Freitag, 9. März 2018

Aus der Zeit gefallen: Lebenslinien...

Briefe mit der Hand zu schreiben, ist - so scheint es - aus der Mode gekommen. Das Handy ist immer griffbereit, eine E-Mail auch schnell getippt und das Versenden sogar gebührenfrei.



Private Briefe bekomme ich eher selten, hebe sie eine Zeitlang auf und entsorge sie dann irgendwann, wenn die Schubladen zu voll sind. Nur ganz besondere Briefe bewahre ich auf, zum Beispiel die handgeschriebenen von meiner Schwester. Schreibmaschine und Computer sind ihr ein Gräuel.


Vor mir liegt ein Brief, in welchem sie schreibt, dass ich recht habe, es viel spontaner wäre zu mailen. Sie verspricht mir zu üben. 'Nur heute nicht, gleich kommt die Maklerin mit einem Engländer, der die Wohnung will. Da muss ich mich noch schön machen.' Beim Lesen muss ich schmunzeln, weil ich genau weiß, dass sie das überhaupt nicht ernsthaft vor hat. 'Die Kinder haben mir sogar so ein Ding geschenkt und es mir erklärt', schreibt sie im Brief, 'im Moment verstehe ich es. Kaum sind sie aus der Tür, habe ich alles vergessen. Das Ding macht mir Angst'. (Sie hat Sohn und Tochter.)


Sie versteht es nicht, weil es sie nicht interessiert. Sie wollte schon als junges Mädchen keinen Bürojob, hat lieber die Näh- anstatt die Schreibmaschine benutzt. Durch Zufall – nein, es war ganz bestimmt eine wunderbare Fügung! - fand sie an der Seite ihres Freundes und Ehemannes ihren Beruf und ihre Berufung, für die sie brannte und – wenn nötig - rund um die Uhr im Einsatz war.


Mit Antiquitäten verdienten beide ihren Lebensunterhalt. Mein Schwager war für den Einkauf und für die Aufarbeitung der Sachen zuständig, während meine Schwester im Ladenlokal in der Altstadt für den Verkauf sorgte. Außergewöhnliche Erfolgsmeldungen erfolgten per Telefon. Abends bei ihrer Heimkehr gab es oft so manch eine Überraschung, die auch schon mal für großen Wirbel sorgte, wenn die halbe Wohnung leergeräumt war. Legte mein Schwager meiner Schwester dann den erzielten Erlös in die Hand anstatt auf den nicht mehr vorhandenen Tisch, dann war alles wieder gut. Ihre Kunden waren hauptsächlich Künstler und Fotografen, die Fotos in der Wohnung für Zeitschriften machten. Bei denen spielte Geld keine Rolle, wenn sie sich für etwas begeisterten.



'Da war immer so ein merkwürdiger, langhaariger Typ, der im Haus und im Lager herumlungerte', erzählte uns unser Vater nach seinem Besuch bei meiner Schwester. Vater traute seinen Augen kaum, als genau dieser Typ am Schluss ein Bündel Geldscheine aus seiner Hosentasche zog und mal eben 5.000 Deutsche Mark auf den Tisch blätterte.


Um wieder auf das leere Wohnzimmer zurückzukommen: Im Lager wurden passende Möbelstücke und Bezugsstoffe ausgesucht und schon bald erstrahlte das Zimmer in neuem Glanz, bis sich wieder einmal ein Besucher spontan in die Einrichtung verliebte... Stundenlang können beide diese und tausend andere Geschichten aus ihrem Berufsalltag erzählen. Mein Schwager beginnt, meine Schwester ergänzt, dann ergreift er wieder das Wort. Es erinnert ein wenig an Pingpong-Spielen und ist spannender als jeder Kriminalroman. Man hängt ihnen gebannt an den Lippen, staunt und schmunzelt. Es ist für den Zuhörer das pure Vergnügen, weil beide Witz haben und gute Erzähler sind. Oft habe ich ihnen empfohlen, doch diese amüsanten Geschichten aufzuschreiben.


Meine Schwester hat Geschmack und ein Händchen für Dekoration. Das kann man nicht lernen. Man hat es oder man hat es nicht. Für mich ist sie – auch ohne Studium - die beste Innenarchitektin, die ich kenne, und natürlich Geschäftsfrau durch und durch mit einem Gespür für Trends: kompetent, kontaktfreudig, herzlich, menschlich. Sie ist humor- und temperamentvoll, liebt geselliges Beisammensein mit leckerem Essen, einem guten Glas Wein und schönen Gesprächen.


Aber sie hat noch eine andere Seite. Sie liebt auch die Stille der Natur, ist gerne an der frischen Luft und im Wald unterwegs. '… und dann, liebe Edith, gehen wir in die Pilze' schreibt sie am 08.08.13 und schon am 09.09.13 '...auch müssten jetzt doch eigentlich die Pilze wachsen'. Am 02.08.14 berichtet sie '… und den ersten Pilz habe ich auch schon im Garten (Schirmling, den Rikki gleich paniert gegessen hat).' Ihr macht das Suchen und Finden – glaube ich – mehr Spaß als das Essen. Sie freut sich, wenn es anderen schmeckt. Sie ist sowieso eine tolle Köchin und Gastgeberin.


Ihr Jugendstilhaus, das sie seinerzeit günstig von einem Architekten gekauft und jahrelang behutsam und liebevoll renoviert hatten, haben sie vor Jahren verkauft und wohnen seitdem mit Sohn und Schwiegertochter in ihrem Mehrfamilienhaus, sie im Penthouse mit großem Balkon, von dem aus sie einen fantastischen Blick auf die Stadt und auf das Häuschen des Sohnes im Garten mit altem Baumbestand haben. Dort hoch oben auf dem Balkon - dem Himmel so nah - zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, ist Meditation und Erholung zugleich, ein wunderbarer Platz zum Relaxen. Beide haben im Leben mehr erreicht, als sie sich je erträumt haben. Aber geschenkt wurde auch ihnen nichts.


In ihrem Brief an mich vom 12.05.14 schreibt sie: '...Wie schön war unser langes Telefonat. Lange klang es noch in mir nach.'  Sie hatte mich gegen 20 Uhr abends angerufen und wir telefonierten bis 2 Uhr nachts, erzählten, lachten, weinten und waren uns so nah, wie es nur zwischen Schwestern sein kann. Meine Blase wäre beinahe geplatzt. Aber ich wollte das Gespräch nicht von mir aus beenden.


Und dann gibt es den Brief meiner Schwester vom 07. Juli 2015, in dem sie mir schreibt: 'Liebe Edith, ich habe mich so lange nicht gemeldet, weil ich krank geworden bin.'


'Ich fühle mich wie aus der Zeit gefallen. Die Zeit rast an mir vorbei und jeder Tag hat für mich so wenig Stunden. Sehnsüchtig warte ich immer auf die Sonne, denn dann fahre ich mit dem Rad zum grünen See (20 km), genieße es in vollen Zügen und freue mich auf zu Hause, denn da wartet Rikki mit Kaffee und Kuchen', heißt es im Brief vom 24.03.16.


Am 01.08.16 schreibt sie: ' Wenn ich fahre, sehe ich die Blumen, die Kormorane und alles, was kreucht und fleucht... für mich ist es fast wie Meditation. Die Familie achtet darauf, dass ich das Handy mitnehme und Rikki wartet auf mich mit leckeren Sachen.'


 

Ihren letzten Brief an mich hat sie ihrem Sohn diktiert, der ihn mir per E-Mail schickte. 'Ich hoffe, es geht dir besser als mir', schrieb sie, dass sie im Bett liege und von ihren Lieben umsorgt würde. Da wusste ich Bescheid.


Achtzehn Briefe von meiner Schwester halte ich in meinen Händen. Seit dem Anruf meines Schwagers lese ich sie immer und immer wieder. Die vertraute Handschrift ist groß, aufrecht, mit breitem Zeilenabstand. Sie hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert, wie auch meine Schwester sich nie verändert hat.


Schon als kleines Mädchen hatte sie – genau wie unsere Mutti - ein 'gutes' Herz, schenkte gerne und von Herzen, ohne Berechnung und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ja, sie hatte auch Wünsche und Träume, die sich im Laufe ihres Lebens erfüllten: ein Häuschen in Ligurien, eine Sammlung kostbarer Vasen. 



Das Haus mitten in einem kleinen Ort in Ligurien - 30 km von Monaco, 45 km von Nizza entfernt und nur 9 km zum Meer -  kauften sie 1991. Als die Umstände es erforderten, trennte sie sich sowohl von den Vasen als auch vom Haus in Italien.


 Drei Jahre dauerte ihr Leidensweg zwischen Angst, Hoffnung und Verzweiflung.


Sie war meine jüngere Schwester, mit der ich durch unsere gemeinsame Kindheit, den viel zu frühen Tod unserer Mutti, als Inge gerade mal acht Jahre alt war, und das Schicksal unseres Vaters, der noch ein weiteres Mal verwitwete, auf besondere Weise verbunden war.


Mein Schwager sagte mir, dass er meine Schwester zweimal am Tag besucht habe und sie an keinem Tag allein war. 
Für meine Schwester  
Ingrid  
( 'Inge' )

  - in memoriam - 

Kommentare:

  1. Liebe Edith,
    in dieser Form hast Du das aufregende Leben Deiner kleinen Schwester wundervoll zusammengefasst …
    Mitfühlende Grüße schickt Dir Silke

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  2. So eine schöne und bewegende Hommage an deine Schwester liebe Edith ❤︎

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  3. Deine Zeilen haben mich sehr bewegt. Ich drücke Dich.

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  4. Liebe Edith,
    ein wunderbarer und doch so bewegender Post - eine schöne Hommage an deine kleine Schwester.
    Hab ein schönes Wochenende - lieben Gruß, Marita

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  5. Hallo Edith,
    Du wirst Ingrid so in Erinnerung behalten, wie Du sie erlebt hast. Es ist ein Trost, sich an gemeinsame schöne Tage erinnern zu können.
    Ich habe nicht nur den Namen mit Deiner Schwester gemeinsam, sondern liebe ebenfalls die Natur. Wenn ich wählen kann, dann mache ich lieber einen Ausflug in der Natur als mich dort aufzuhalten, wo viele Menschen beisammen sind. Und ich mag ebenfalls Möbel mit Geschichte lieber als neue Dinge.
    Habe ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße von Ingrid

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  6. Liebe Edith,
    die Lebensgeschichte Deiner Schwester hast Du so wunderschön erzählt, dass ich nasse Augen bekommen habe. Wie schön, dass ihr eure Gedanken in Briefen ausgetauscht habt! Du hast jetzt etwas sehr Kostbares.
    Herzlich
    Loretta

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  7. liebe Edith
    aus deinen Zeilen sprich eine tiefe Liebe zu deiner Schwester
    und mir laufen hier die Tränen
    sie war ein ganz besonderer Mensch
    wie es sie heute nur noch wenige gibt
    und du bewahrst ihr ein besonderes Andenken

    ich hatte keine Geschwister was ich immer bedauert habe
    vielleich hatte ich auch deshalb 5 Kinder ;)
    auch meine Töchter halten zusammen auch wenn es mal Differenzen gibt
    denn sie sind alle verschieden
    am Sonntag werden wir in memoriam den 50. Geburtstag meiner 3. Tochter feiern
    die Idee kam von den Geschwistern

    deine Bilder sind so wunderschön ..sie geleiten in die Stille
    alles Liebe für dich

    Rosi

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  8. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  9. Liebe Edith, das hast du wunderbar geschrieben, ich muss schlucken, weil es mir ähnlich geht. Ich habe auch eine jüngere Schwester, die gerade aus gesundheitlichen Gründen als Ehepaar ihr Antikgeschäft aufgegeben haben. Alles was du schreibst kommt mir bekannt vor. nun fallen alle Lasten von ihr ab und sie haben Freiheiten zu Reisen und den Tag einzuteilen, da wird sie mit dem Herzen krank. Asthma hat sie schon ihr Leben lang aber trotzdem das Leben gemeistert.
    Ich liebe sie auch, wie du deine Schwester, so hast Du mich schwer erinnert. Wir schreiben und telefonieren, aber ich muss sie bald besuchen, so lange ich sie noch habe.
    Danke für Deinen schönen Text und Deine Erinnerungen mit den schönen Fotos.
    Liebe Grüße, Klärchen

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  10. Ach, Edith.
    Mitfühlende ♥ Grüße
    Ursula

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  11. Du hast deine Schwester, ihre Briefe und deine Treffen schön beschrieben. Mit diesem Beitrag hast du ihr eine Hommage gegeben, ihr ihre Liebe gezeigt und sie mit wunderschönen weißen Blumen geschmückt. Grüße .

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  12. Aus deinen Worten spricht die Liebe zu deiner Schwester und die wird bleiben.

    Ganz herzliche Grüße
    Margrit

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  13. Diese Briefe sind ein kostbarer Schatz... viel wertvoller als jede Email. Erinnern sie Dich doch an die schöne Zeit mit Deiner Schwester.
    Viele Grüße von Margit

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  14. Nun wird der wahre Wert der handgeschriebenen Briefe erkennbar. Diese kannst Du in Händen und auch in Ehren halten. Sie sind ein Stück gemeinsame Lebenszeit in schwesterlicher Verbundenheit. Du hast das wunderbar geschrieben, eine sehr ergreifende Hommage an Deine nun verstorbende Schwester. Ich drücke Dich ... Ganz herzliche Grüße von Marion

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  15. Liebe Edith,
    Du hast das Leben Deiner Schwester und Deine Gefühle wunderbar in Worte gefasst.
    Durch ihre Briefe hälst Du immer
    einen Teil von ihr in Händen.
    Herzlichste Grüße
    Wiebke

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  16. Mir fehlen die Worte, einfach nur schön, deine Gedanken an deine lb. Schwester. Man könnte meinen die kleinen Wassertropfen auf der Küchenschelle wären `Deine`. Eine Schwester habe ich leider nicht. Ich wünsch dir alles, alles Gute weiterhin, bleib gesund, ein schönes Wochenende
    Ilona

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  17. Liebe Edith,
    die Briefe deiner Schwester werden dir immer eine schöne Erinnerung sein - wertvoller als E-mails - . Du hast einen ergreifenden Nachruf an sie verfaßt und mit den passenden Bildern hinterlegt. Wie vergänglich ist unser Leben..............und die Welt dreht sich trotzdem weiter.
    Liebe Grüße
    Agnes

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  18. Liebe Edith,
    jetzt muss ich mir ein paar Tränen verdrücken. Weil ich mir deine kleine Schwester nach deinen Worten so gut vorstellen kann und vielleicht auch, weil sie ich an jemanden erinnert, der mir sehr wichtig war.
    Es ist umso wichtiger, dass du diese 18 wunderbaren Briefe hast, die eure gemeinsame Zeit so lebendig halten.
    Liebe Grüße
    Katharina

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  19. Auch ich bedaure sehr oft, dass man kaum noch handgeschriebene Briefe bekommt. Um so kostbarer sind die, die man hat. Es tut mir leid, Edith, dass du deine Schwester verloren hast. Irgendwann müssen wir sie alle loslassen und sie uns. Um so wichtiger ist es, die gemeinsame Zeit zu genießen.

    Sigrun

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  20. Ich bin ganz gerührt über das Memoriam an Deine geliebte Schwester und wünschte ich hätte auch eine Schwester und wäre ihr auf solch innige Weise verbunden. Ich bin ein Einzelkind, eine Halbweise, mein Vater starb durch einen tragischen Unfall als ich ein halbes Jahr alt war. Es ist ein schwerer Verlust der Dich trifft, aber ist es nicht auch eine tolle Fügung, das ihr euch als Schwestern, so gut verstanden habt?
    Zum Glück hast Du die Briefe, sie sind eine bleibende und schöne Erinnerung.
    LG Heidi

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  21. Liebe Edith,
    eigentlich hatte ich wiedermal gehofft, dass es nur eine deiner schön erzählten Geschichten ist, die am Ende mit Happy End ausgehen. Aber das Leben schreibt seine eigenen Geschichten, die man nicht beeinflussen kann. Dafür um so schöner, dass du die Briefe als ein Erinnerungsstück von ihr hast. Eine Email ist schnell gelöscht und so viel unpersönlicher. Meine Schwester heißt auch Ingrid...
    Alles Gute für dich,
    Liebe Grüße, Sigrun

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  22. Sehr zu Herzen gehend und so berührend, liebe Edith. Die Briefe Deiner lieben Schwester sind ein ganz besonderer und kostbarer Schatz.

    Alles Liebe und Gute für Dich
    Nele

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