Montag, 6. Juli 2015



In letzter Zeit scheint mit mir irgendetwas nicht zu stimmen. Eigentlich bilde ich mir ein, im Hier und Jetzt zu leben und nach vorn zu blicken. Aber ich ertappe mich immer mal wieder dabei, in die Vergangenheit abzuschweifen, so zum Beispiel gestern morgen.


Der Tag begann nicht wie sonst. Nicht das Vogelgezwitscher weckte mich, sondern die langersehnten  Regentropfen. In der ganzen Wohnung war es noch schwül von der unnatürlichen Hitze der vergangenen Tage.


Die Terrassentür weit geöffnet, schlürfte ich meinen Tee mit Blick in den Garten, als plötzlich ein Riesengezeter einsetzte. Aha, es ist wieder mal so weit. Die Vögel meines Gartens beginnen mit der Kirschernte, wozu sie offenbar auch noch ihre entferntesten Verwandten eingeladen haben.


Ich schaute ihnen schmunzelnd zu. In zwei, spätestens drei Tagen ist dieser Spuk vorbei und der Baum restlos geplündert. Dann kann ich mit den Aufräumarbeiten beginnen: faule Kirschen vom Boden aufsammeln, in den Sträuchern hängen gebliebene Kirschen entfernen, abgebrochene Zweige wegräumen.


Seit Jahren schon ist dieser Kirschbaum zu hoch, als daß sich da noch jemand zum Pflücken hinauf trauen würde. Die Äste sind morsch und brechen schnell ab. Und eigentlich war diese Kirsche von Anfang an nie etwas Besonderes.


Sie ist reif, wenn sie noch fast gelb ist und leicht gerötete Bäckchen bekommt. Aber im selben Moment erscheinen  auch schon faulige Flecken. Eigentlich eignet sie sich nur ein paar Tage lang zum 'Pflücken vom Baum direkt in den Mund'. Weil auch das inzwischen zu riskant ist, überlassen wir die Ernte den Vögeln.


So begnügen wir uns damit, uns im Frühjahr über die Kirschblüte zu freuen. Im Sommer beschattet der Baum den Komposter. Und mit seiner Herbstfärbung bringt er zusammen mit dem Perückenstrauch und dem Falschen Jasmin noch einmal Farbe in den Garten. Im Winter sitzt in der Krone seit Jahren ein Taubenpaar und bewacht laut- und bewegungslos den Garten.


Aber eigentlich beginnt die Geschichte um diesen Kirschbaum erst jetzt. Sie handelt nämlich von zwei Brüdern, beides Landwirte aus Westpreußen. Dort als Deutsche geboren und aufgewachsen, leisteten sie als junge Männer ihren polnischen Militärdienst ab, heirateten danach und gründeten ihre Familien.


Als Hitler 1939 in Westpreußen einmarschierte, wurden sie zur deutschen Wehrmacht eingezogen und an die Front geschickt. Beide überlebten den Krieg und kamen in Gefangenschaft, mein Vater in Frankreich, sein Bruder in England.


Über eine zehn Jahre ältere Schwester, die den Krieg in Berlin unversehrt überstanden hatte, erfuhren beide, wohin es ihre Familien verschlagen hatte. Wir waren als unerwünschte Flüchtlinge in Schleswig-Holstein gelandet, meine Tante mit ihrer Tochter in der späteren DDR. Mein Großvater, also der Vater der beiden Brüder, hatte die Flucht nicht überlebt, ebenso der kleine Sohn meines Onkels.
 

Mein Vater wurde Ende 1948 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Es sollte aber noch viele Jahre dauern, bis die Brüder sich in die Arme schließen konnten. Von dem ersten Wiedersehen mit seinem Bruder nach dem Krieg brachte mein Vater ein 'Andenken' aus der DDR mit. Weil er noch kleine Kinder hatte und die Kontrollen der VoPo sehr streng waren, wollte er kein Risiko eingehen und begnügte sich mit einem Kirschkern, den er in der Hosentasche bei sich am Körper trug. Es war ein Kern vom Kirschbaum seines Bruders, von einer gelben Kirsche mit roten Wangen.





Und weil ich eben so bin, wie ich bin, gilt für mich: Dieser Kirschbaum bleibt stehen, jedenfalls solange ich lebe...

Kommentare:

  1. Liebe Edith,
    das ist eine sehr berührende Geschichte und der Kirschbaum hat es verdient, stehen zu bleiben.
    Die Vögel freuen sich an der Ernte und du dich an seinem Anblick.

    Viele Grüße
    Margrit

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  2. Liebe Edith,
    deine Geschichte hat mich sehr bewegt. Diesen Kirschbaum könnte ich auch nicht aus dem Garten verbannen. Er hat doch durchaus seine Reize und nun freuen sich halt die gefiederten Gäste. Deine Bilder finde ich auch sehr schön.
    Viele Grüße
    Ursula

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  3. Liebe Edith, deine Geschichte mit den zauberhaften Bildern hat mich sehr berührt - aus dem Andenken des Kirschsteins ist so ein stattlicher Baum gewachsen, der Menschen und Tiere nur erfreut. So ein Baum muss einfach bleiben.
    LG Marita

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  4. Was für eine schöne Geschichte - es sind nicht immer die teuren Dinge, die einem am Wertvollsten sind.

    Sigrun

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  5. Was für eine Geschichte...und dass die Vögel diesen Baum jetzt plündern dürfen, finde ich besonders schön...Mancher schaut manchmal auch zurück, weil er weiß, es liegen mehr Tage hinter als vor ihm...;-). LG Lotta.

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  6. Und wie du recht hast liebe Edith.... was für eine Geschichte! Dass du an dem Baum hängst verstehe ich ♥
    Ganz liebe Grüße
    Christel

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  7. Eine sehr bewegende Geschichte, verständlich, daß der Kirschbaum bleibt!
    LG Kathinka

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  8. Liebe Edith,
    welch bewegende Geschichte!
    Wie schön, dass dieser Baum bleiben darf!
    Und die Beeren machen sich wunderbar in deiner Deko!
    Liebe Grüße von Christine

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  9. Hallo Edith!
    Eine wirklich ergreifende Geschichte. Unter diesen Umständen würde dieser Baum auch von mir unter Artenschutz gestellt, egal ob die Früchte schmecken oder nicht.
    GlG
    LiSa

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  10. Liebe Edith, was für eine Ähnlichkeit in unseren Familienbiographien ....
    Ich bin ganz ergriffen von Deiner Erzählung, vom "Leben" des Kirschbaumes.
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

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  11. Oh, liebe Edith,
    ich hab mir schon gedacht, dass es mit diesem Baum eine besondere Bewndnis
    haben muss! Eine sehr berührende Familiengeschichte! Du hast Recht.
    Der Baum muss stehen bleiben!
    Ganz viele liebe Sommergrüße
    sendet dir die Urte :-)

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  12. Liebe Edith,
    schon der Anfang Deiner Geschichte gefiel mir. Denn auch wir haben eine Sauerkirsche, die wundervoll blüht, die als Kletterhilfe für eine wilde Waldrebe dient und somit zum perfekten Nistgehölz wird, die zu hoch zum Ernten ist, so dass damit idealerweise Drosselkinder großgezogen werden, über dessen Herbstfärbung ich mich dann auch wieder freue und die im Winter Clematis-Puschel trägt. Außerdem gehörte sie auch zur Erbmasse des Gartens meiner Patentante, und wurde schon von den Eltern meines 'Onkels' gepflanzt …
    Tja, diese Erinnerungspflanzen und ihre Geschichten ;-)
    Liebe Grüße zum Wochenende
    Silke

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  13. Den würde ich wohl auch auf gar keinen Fall fällen.

    Liebe Grüße
    Gaby

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  14. Recht hast du liebe Edith, unsere Bäume dürfen auch bleiben, mindestens so lange wie wir leben. Danke für diese Erinnerungen. Liebe Grüße.

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  15. Liebe Edith,
    eine sehr bewegende Geschichte. Und du hast den Baum bis heute erhalten - das ist wunderbar!
    Herzlich
    Renee

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