Oma

Oma erzählt: 
Der kleine Junge und sein Mondbär


Als der kleine Junge ein Baby war, haben die Eltern das Schlafkissen 'Mondbär' gekauft. Sie legten es ganz dicht an seinen kleinen Körper, wenn sie ihn ins Bettchen brachten. Das Kissen wärmte und stützte ihn und sorgte für eine sichere Schlafposition.





Inzwischen ist der kleine Junge drei Jahre alt und das Kissen ist sein ständiger Begleiter beim Essen, beim Spielen, beim Fernsehen. Der arme Mondbär ist nun nicht mehr gelb, sondern sieht aus, als hätte er lange Zeit in der Kohlenkiste gelegen. „Oje, oje“, sagt der Papa, „die vielen Bazillen machen unser Kind noch krank. Wir müssen das Kissen waschen“. „Nein, ich will das nicht!“ protestiert der kleine Junge. Mama ist ratlos und fragt sich: „Hilfe! Was machen wir da bloß?“




Heute morgen brachte Mama ihren Jungen in den Kindergarten. Als sie wieder zu Hause war, klingelte es an der Haustür. Mama öffnete die Tür und schaute auf ein kleines Elfenmädchen. Es war barfuß, trug ein weißes Kleidchen und hatte einen Kranz aus Gänseblümchen im Haar.





„Es geht um den Mondbär, du hast um Hilfe gerufen“, sagte es leise und ging ins Wohnzimmer. Der Mondbär lag auf dem Sofa. Das Elfenmädchen nahm eine Lupe und rief erschrocken: „Ach, du liebe Zeit. Ach, du liebe Zeit. Ich sehe Bazillen, Bazillen und noch mehr Bazillen, überall sind Bazillen. Die kriechen den Kindern in die Nase, in die Ohren und in den Mund. Davon bekommen sie dann Schnupfen, Husten, Ohrenschmerzen und Fieber und müssen schließlich zum Doktor, viele Tage saure Medizin einnehmen und im Bett liegen bleiben. Mama, willst du das für deinen Jungen?“ „Nein, das will ich nicht, ich möchte, daß mein Kind gesund ist“.





„Dreh' dich mal um“, sagte das Elfenmädchen. Mama drehte sich um. Sie hörte „Simsalabim! Simsalabam! Simsalabum! Fertig! Mama, du darfst wieder schauen. Alle Bazillen sind weg“. Und tatsächlich! Der Mondbär war wieder sauber wie am ersten Tag. Alle Bazillen waren fort. „Danke“, sagte Mama und öffnete die Haustür.





Das Elfenmädchen hüpfte vergnügt lachend davon.





Als der kleine Junge aus dem Kindergarten kam und das saubere Kissen sah, erzählte Mama ihm die Geschichte. Zuerst sah er sie ungläubig und böse an, verzog auch kurz sein Schnütchen und seine Stirn kräuselte sich ein wenig. Aber dann entdeckte er ein Gänseblümchen auf dem Mondbär und noch eines auf dem Teppich und lachte plötzlich ganz laut, weil er nun wußte, daß das Elfenmädchen tatsächlich da war. Wie ein kleiner Hund beschnupperte er sein Schlafkissen und stellte danach fest: „Boah, es riecht ja wie die Blumen in Omas Garten.“

Am Abend erzählte er dem Papa von dem Besuch der kleinen Elfe und daß nun keine Bazillen mehr im Schlafkissen sind. „Na, da können wir ja froh sein, daß die Mama zu Hause war und das Elfenmädchen ins Haus gelassen hat“. „Jaha, wir sind froh“, jubelte der kleine Junge und alle mußten laut lachen.

Und der Mondbär? Der war auch froh, daß er wieder schön sauber war und so gut roch wie eine Blumenwiese im Frühling.



Oma erklärt:

Die Sache mit den Schneeglöckchen

Vor einigen Wochen erzählte Oma ihrem dreijährigen Enkel, daß der Winter nun bald vorbei sei, weil die ersten Schneeglöckchen schon blühen. Als sie einige Zeit später Küchenabfälle in den Komposter brachte, lief er ihr hinterher und durchstreifte in Windeseile den ganzen Garten. „Ja, Oma, wo sind denn nun deine Schneeglöckchen?“ rief er plötzlich. „Es blühen ja noch nicht viele, sondern erst einzelne,“ antwortete sie und zeigte ihm ein paar Schneeglöckchen, die geschützt am Zaun wuchsen.





Als dann etliche Sonnentage kamen und der Junge den Schneeglöckchengarten in seiner ganzen Pracht sah, lief er wie in einem Rausch alle Wege ab. „Überall Schneeglöckchen, da und da und da auch!“ rief er, nahm vorsichtig einzelne Blütenköpfe in die Hand und untersuchte sie interessiert. Oma freute sich über seine Begeisterung, drückte ihn liebevoll an sich mit den Worten: „Schön, daß sie dir auch gefallen.“

Mit dem Frühling wollte es noch nicht so richtig klappen. Es folgten ungemütliche Dienstage, in denen sie im Haus bleiben mußten.

Als letztens das Auto ihrer Schwiegertochter vorfuhr, war Oma gerade draußen. Sie hörte schon von weitem die Stimme ihres Enkels und öffnete das Gartentor. Er kam gut gelaunt herbeigestürmt, bremste aber plötzlich abrupt ab, zog die Augenbrauen nach unten, wobei sich seine kleine Stirn kräuselte, schaute seine Oma vorwurfsvoll an mit den Worten: „Oma, was hast du eigentlich mit den ganzen Schneeglöckchen gemacht?“ Er bückte sich, nahm eine verwelkte Blüte in die Hand und sah sie fragend an.





Oma überlegte kurz, holte tief Luft und begann zu erklären: „Du weißt doch, daß vor den Schneeglöckchen die kleinen, gelben WINTERlinge geblüht haben. Schau her, so sehen die jetzt aus. Die haben die Nase voll, weil kein WINTER mehr ist, und ziehen sich nun in die Erde zurück. Und die SCHNEEglöckchen blühen oft schon, wenn noch SCHNEE im Garten liegt. Daher haben sie ja auch ihren Namen. Wenn die Sonne zu oft scheint und es langsam Frühling wird, ist es denen einfach zu warm. Dann haben auch sie die Nase voll, verblühen, ziehen sich in die Erde zurück und machen den Krokussen Platz. Deshalb haben wir jetzt einen herrlich blau/weiß/violetten Krokusgarten. Nach den Krokussen kommen die Hyazinthen, danach Tulpen und Vergißmeinnicht und so geht es immer weiter. Für jede Jahreszeit gibt es die passenden Blumen in meinem Garten.“

„Und kommen die denn noch mal wieder?“ wollte der kleine Junge wissen. „Ja, natürlich, ganz sicher,“ antwortete Oma, „zuerst müssen aber jetzt die Samen reif werden. Die stecken hier in den länglichen grünen Knoten über der verwelkten Blüte. Wenn sie reif sind, fallen die Samen auf die Erde. Daraus wachsen dann kleine Schneeglöckchenkinder heran. Und die Kraft aus den grünen Blättern zieht sich in die Blumenzwiebel, die in der Erde liegt, zurück, so daß sie ganz dick wird und sogar Tochterzwiebeln bilden kann. Auch das sind Schneeglöckchenkinder, die schneller blühen werden als ihre kleinen Geschwister, nämlich die Sämlinge. Deshalb gibt es Jahr für Jahr immer mehr Schneeglöckchen im Garten, wenn ihnen der Platz gut gefällt.

Danach aber muß sich die Schneeglöckchen(mutter)zwiebel, weil sie vom vielen Blühen, Samenbilden und Kinderkriegen erschöpft ist, erst einmal unter der Erde einige Zeit ausruhen. Das nennt man die Ruhezeit. Und jedes Jahr, wenn Weihnachten vorbei ist, schauen meistens schon im Januar wieder die kleinen Spitzen der Schneeglöckchen aus dem Boden. Wenn sie dann schließlich blühen und noch einmal Schnee vom Himmel fällt, ist das für sie nicht schlimm, weil es ja SCHNEEglöckchen sind, die den Winter mögen.“

„Ach, so funktioniert das,“ sagte etwas nachdenklich der kleine Junge. Er hatte keine weiteren Fragen.

Und Oma hatte den Eindruck, daß ihr Enkel wirklich alles verstanden hat.



Oma kauft:

Ein Insektenhotel

Als Oma im vergangenen Jahr auf der Staudenbörse war, hatte dort die nette Frau Schäfer einen Pflanzenstand. Im Angebot hatte sie auch Insektenhotels, die ihre Söhne geschreinert hatten. Erstens gefiel dieses Insektennistholz der Oma sehr, zweitens wußte sie genau, daß sich ihr Enkel dafür interessieren würde und drittens fand sie es schon immer gut, wenn junge Menschen nicht nur als Stubenhocker vor dem Fernseher oder Computer sitzen, sondern sich noch für andere Dinge begeistern, für Sport, Musik, sich kreativ betätigen oder für Naturschutz und Umwelt etwas Sinnvolles tun.

Außerdem war ihr schon seit langem bekannt, daß außer naturnahen Gärten die Schaffung geeigneter Nistmöglichkeiten sehr wichtig ist, zumal viele Wildbienenarten als bedroht gelten. 




Deshalb überlegte sie nicht lange, sondern schlug zu.




Da das Insektenhotel keine Aufhängung hatte, stellte Oma es zunächst auf die untere Etage des Pflanztisches Richtung Osten an einen leicht sonnigen und windgeschützten Platz.

Der kleine Junge entdeckte es dort sofort. „Was ist das, Oma?“ fragte er. „Das nennt man 'Insektenhotel'. Aber eigentlich ist es einfach nur ein Haus für die Kinder der nützlichen Wildbienen. Jedes gebohrte Loch ist ein Kinderzimmer. Mutter Biene sammelt Nektar und Pollen von den Pflanzen und bringt dieses Bienenfutter dann ins Kinderzimmer. Darauf legt sie jeweils ein Ei. Mit jedem weiteren Ei macht sie es genauso. Diese Kinderzimmer nennt man auch Brutzellen, die dann sorgfältig verschlossen werden. Aus jedem Ei entwickelt sich nach einigen Tagen eine Made, die sich von dem Bienenfutter, auf dem sie liegt, ernährt. Sie verbraucht es nach und nach und wird groß und größer. Etwa nach einem knappen Monat fängt die Made an, eine Hülle zu spinnen, den sogenannten Kokon, in welchem sie dann den ganzen Winter verbringt. Und im Frühling ist es endlich soweit: Aus dem Kokon schlüpft das fertige Wildbienenkind, also eine nagelneue Wildbiene. Sie öffnet den Verschluß und fliegt hinaus in die Freiheit, vorzugsweise gleich zu den Krokussen, um Blütenstaub und Nektar zu sammeln. Und wenn die Krokusse verblüht sind, fliegt sie zu den dann blühenden Stauden.“




„Schau mal, Oma, da sind schon Löcher zu. Sind das schon besetzte Kinderzimmer?“ fragte der kleine Junge. Oma machte große Augen. „Tatsächlich! Wie kann denn das sein? In dieser kurzen Zeit! Na, dann war es ja wohl höchste Zeit für ein Insektenhotel. Und wenn die Wildbienen schon eingezogen sind, ist es auch ein guter Platz und wir brauchen es nicht mehr aufzuhängen.“

„Bleibt das jetzt wirklich hier unten stehen?“ fragte Omas Enkel. „Klar, dann kannst du mir immer sagen, wieviel Kinderzimmer besetzt und wieviel schon wieder frei geworden sind,“ antwortete Oma. Sie ging in die Garage, um Gartengeräte zu holen. Dabei hörte sie, wie auf der Terrasse jemand laut zählte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, neun, zehn...“



Oma berichtet:


Vom traurigen Bär im Kleiderschrank

Als der kleine Junge noch nicht geboren war, sah Papas Mama zufällig in einem Spielwarengeschäft einen Teddybär, in den sie sich auf der Stelle verliebte, weil er sie mit seinen großen, dunklen, runden Augen so lieb anschaute. Um seinen Hals trug er eine hellblaue Schleife. Als sie ihn zu Hause zu ihren schön angezogenen Künstlerpuppen stellte, sah der nackte Bär daneben etwas merkwürdig aus.








Spontan griff sie zu Wolle und Stricknadeln, später noch zur Häkelnadel, und was dabei heraus kam, waren eine Latzhose mit Fliege, Schweißbänder für beide Handgelenke, ein Paar Handschuhe und eine Gürteltasche, in die sie als Glücksbringer sechs 'Düppelchen' steckte. Das ist holländisches Geld aus der Zeit, als man in den Niederlanden noch in Gulden bezahlte.








Beide machten ein zufriedenes Gesicht, der Bär und Oma auch. Irgendwann jedoch mußte der arme Bär für eine Künstlerpuppe seinen Platz räumen. Oma legte ihn in den Schrank in der Hoffnung, daß sich eines Tages ein Enkelkind darüber freuen würde.

Der kleine Junge wurde geboren, wuchs heran, lernte sprechen und weiß genau, was er will, z.B. gegen abend, wenn er genug getobt hat und müde geworden ist, seine Lieblings-DVD 'Oh, wie schön ist Panama' von Janosch mit 'Kleiner Bär', 'Kleiner Tiger' und 'Tigerente' anschauen. Dabei mag er es kuschelig und gemütlich, setzt sich in den bequemen Ledersessel, steckt den Nuckel in den Mund und umarmt dabei seinen Mondbär. Oma entfernt dann meistens das 'Ding' aus seinem Mund und stellt ihm stattdessen in Streifen geschnittenen Hartkäse hin, den sie immer extra für ihn besorgt.





Schon einige Male hat Oma nach diesem Film den einsamen Bär aus dem Schrank geholt, dem Jungen seinen beweglichen Kopf, die beweglichen Arme und Beine gezeigt und den Bär brummen lassen. Die Antwort des kleinen Jungen lautet jedesmal: „Den will ich nicht!“

Diesen Satz und den Grund dafür kann Oma nicht verstehen. Während sie den Bär zurück in den Schrank bringt, tröstet sie ihn mit Worten, wie zum Beispiel: „Sei nicht traurig, kleiner Bär. Irgendwann wird ein Kind kommen, dich anschauen und spontan sagen, daß es dich und nur dich als Freund will. Das nennt man Liebe auf den ersten Blick. Es wird dann mit dir kuscheln, dich ganz fest an sein kleines Herz drücken und dich nie mehr hergeben.“

Nach solchen Worten ist Oma der festen Überzeugung, daß seine großen, dunklen Augen einen Moment lang geleuchtet haben und sogar ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht ist. Sie könnte dies sogar fast beschwören.



Oma pflanzt:

Den Bärlauch in Plastiktöpfe

„Was machst du da, Oma, kann ich helfen?“ fragte der kleine Junge, als er den Garten betrat.

„Unter dem Rhododendron hat sich Bärlauch ausgesät und wächst dort, wo ich ihn nicht haben möchte. Deshalb habe ich ihn ausgegraben und setze die kleinen Pflänzchen vorläufig erst einmal jeweils zu fünft in einen Plastiktopf. Wenn sie demnächst groß genug sind und blühen, suche ich für sie einen guten Platz im Garten, wo sie dann bleiben können. Vielleicht verschenke ich auch ein paar Töpfe.“ „Zu fünft?“ fragte Omas Enkel. „Ja,“ antwortete Oma, „jeweils fünf Pflanzen kommen in einen Topf. Du kannst mir immer fünf Stück anreichen, damit ich sie einpflanzen kann.“ Der kleine Junge nahm vorsichtig eine Pflanze nach der anderen und zählte dabei laut: „Eins, zwei, drei, vier, fünf. Oma, beim Versteckenspielen zähl' ich aber immer bis zehn.“ „Stimmt,“ erwiderte sie, „aber zehn Pflanzen in einem kleinen Plastiktopf wären nun wirklich zu viel. Bringst du mir bitte mal die kleine, blaue Gießkanne, damit wir die Pflanzen angießen können?“




Das machte ihr Enkel zu gerne. Als er gerade mal laufen konnte, wollte er immer schon Omas Blumen gießen. Die 5l-Kanne war damals noch viel zu schwer für ihn, so daß er so manches Mal nach hinten auf seinen Pampaspopo fiel, sich aber sofort wieder aufrappelte und weitermachte. Oma mußte schmunzeln, während sie daran dachte. Wie oft hatte sie ihn ermahnt: „Nur ein bißchen Wasser, Mäuschen, nicht zuviel, die Blumen sollen ja nicht ertrinken.“




Der kleine Junge hatte ein gutes Gedächtnis. Er wußte alles noch vom letzten Jahr, holte die Gießkanne, füllte sie an der Regentonne zur Hälfte mit Wasser auf und begann damit, ohne daß Oma etwas sagen mußte, die Pflanzen nacheinander Stück für Stück vorsichtig zu begießen. „Danke, mein Schatz, das hast du prima gemacht, du bist mir wirklich eine große Hilfe,“ sagte sie.

„Und jetzt stellen wir die bepflanzten Töpfe in den Halbschatten. Wenn die Bärlauchpflanzen groß genug sind, werden sie blühen. Alle Blüten, die wir nicht in den Salat geben, werden Samen bilden und sich aussäen, so daß dann alles wieder von vorne losgeht. Aber das kennst du ja schon von den Schneeglöckchen.“ Oma nahm immer zwei Töpfe auf einmal, ihr Enkel einen Topf.

Als sie mit der Arbeit fertig waren, verkündete Oma: „Und jetzt schneide ich von den großen Bärlauchpflanzen einige Blätter ab, die wir nachher auf einem Butterbrot essen werden, weil sie sooo gesund und lecker sind. „Oma, Blätter essen...?“ fragte der kleine Junge skeptisch und schaute sie ungläubig an. „Ja, Opa und ich, wir machen es dir dann vor. Ach nein, geht ja gar nicht, der ißt auch keinen Bärlauch,“ berichtigte sich Oma.

Sie machte eine Pause, weil ihr in diesem Moment wieder einfiel, wie einfach doch früher alles mit ihrem kleinen Jungen war. Der stibitzte sich sogar gerne mal gesunde Sachen vom Nachbarteller. Bei einem DLRG-Fest, wo es appetitlich dekorierten Kartoffelsalat mit Würstchen gab, beobachtete er, wie sein Nachbar das 'gesunde Kraut' verächtlich an den Tellerrand schob. Laut und deutlich fragte er daraufhin: „Du, Bademeister, darf ich dein Grünzeug haben?“ Dabei ging es damals allerdings um Petersilie...



Oma berichtet:


Von der wundersamen Geburt des Schmetterlings 


„Ball  spielen, Oma,“  bettelt der kleine Junge. Er holt den kleinen Ball aus der Garage, läßt ihn auf dem Handlauf der Kellertreppe runterrollen und lacht sich kaputt, wie Oma sich verbiegen muß, um ihn unten aufzufangen. Sie wirft den Ball wieder nach oben, hat auch ihren Spaß, weil der Junge ganz offensichtlich im Winter das Fangen verlernt hat. „Eine lahme Ente bist du geworden,“ lästert sie. „Du auch, Oma,“ erwidert er. So geht das eine Weile.

Danach ist der große Ball an der Reihe. Damit werfen beide abwechselnd aufs Garagendach, jedenfalls versuchen sie es. „Das ging auch schon mal besser,“ meint Oma, „schau da, bald hättest du den armen, gelben Schmetterling getroffen.“ „Ich habe schon so lange keinen Schmetterling mehr gesehen,“ sagt der kleine Junge. „Im Winter gibt’s die auch nicht. Dies ist auch der erste, den ich dieses Jahr sehe,“ antwortet sie. „Komm mal her, wir machen eine Pause, setzen uns auf die Terrasse und ich erzähle dir von der wundersamen Geburt des Schmetterlings.“

„Ich will dabei aber nicht auf deinem Schoß sitzen, ich bin doch schon groß,“ klärt der Enkel seine Oma auf. „Dann wird es ja auch höchste Zeit, daß du über diese Zauberei der Natur Bescheid weißt,“ kontert Oma.




„Jetzt paß schön auf. Auch bei den Schmetterlingen gibt es Jungen und Mädchen. Wenn sich zwei gefunden haben, die sich mögen und ganz lieb haben, werden sie ein Paar. Und irgendwann wünschen sie sich auch Schmetterlingskinder. Dann legt das Weibchen klitzekleine Eier auf den Pflanzen ab. Und aus jedem Ei schlüpft bald eine winzige Raupe, die einen Riesenhunger hat. Sie frißt und frißt und frißt. Sie frißt den lieben langen Tag nur Blätter, Blätter, Blätter und noch mal Blätter. Bald ist sie so dick, daß ihre Hülle nicht mehr paßt und die Raupe diese abstreifen muß. Aber weil sie immer noch so großen Hunger hat und weiterhin so viel frißt und frißt und frißt, paßt auch die neue Hülle bald nicht mehr, so daß sie auch diese wieder ablegt. Das geht noch ein paarmal so. Wenn die Raupe dann irgendwann endlich keinen Hunger mehr hat, hängt sie sich einfach mit dem Kopf nach unten an einem geschützten Platz, zum Beispiel an einem Ast, auf.

Nach etwa zwei bis drei Tagen zerreißt dann auch diese letzte Hülle. Und das Wunder geschieht. Was nämlich jetzt zum Vorschein kommt, ist keine Raupe mehr, sondern eine Larve, die man auch Puppe nennt. Diese verhält sich ganz still und bewegt sich überhaupt nicht. Aber was dann passiert, grenzt fast an Zauberei.




Oma macht eine längere Pause. Der kleine Junge schaut sie gespannt an.

„Es ist kaum zu glauben,“ fährt Oma fort, „aber nun ist ein völlig anderes Tier entstanden, nämlich ein lebendiger, wunderschöner, bunter Schmetterling, der von Pflanze zu Pflanze fliegt und mit seinem langen Rüssel den Nektar aus den Blüten saugt.“

Der kleine Junge weiß nicht so recht, ob er die Sache glauben soll, zieht seine Augenbrauen nach unten und schaut seine Oma einfach nur an.

„Mäuschen, das ist keine Geschichte aus dem Fernsehen, das sind Tatsachen,“ versucht Oma ihn zu überzeugen, „aber vielleicht bist du doch noch ein bißchen zu jung, um das zu verstehen; na ja, verstehen kann ich's eigentlich auch nicht...“

Der kleine Junge steht auf, schnappt sich den großen Ball, holt weit aus und wirft ihn bis zur dritten Dachpfannenreihe aufs Garagendach. „Bravo,“ ruft Oma, „wenn du so viel Kraft getankt hast, war die Pause wenigstens nicht ganz umsonst.“



Oma besorgt:
Eine Wiege für Vivian




Beim Spazierengehen hatten Oma und der kleine Junge eine junge Frau mit einem Baby im Kinderwagen getroffen.

Zu Hause holte Oma ein Fotoalbum aus dem Schrank und zeigte ihrem Enkel sämtliche Fotos, die sie vom Tag seiner Geburt an von ihm gemacht hatte, mit den Worten: „Schau, das warst du als Baby.“ Sie wußte nicht so recht, ob er wirklich begriff, daß er selbst einmal dieses Baby war.

Zwei, drei Wochen später ging der Junge ins Schlafzimmer und versuchte, die Schranktür an die Seite zu schieben. Als Oma ihn fragend anschaute, sagte er: „Bilder vom kleinen Jungen anschauen.“ Das machten sie dann auch. Oma deutete mit ihren Händen an, wie winzig so ein Baby bei der Geburt ist. Dann verließ sie kurz das Zimmer und kam mit einer ihrer Künstlerpuppen zurück. „Das ist Vivian. So klein und schrumpelig ist ein Baby, wenn es auf die Welt kommt. Nimm es mal auf den Arm. Schau, wie dünn die Ärmchen und die krummen Beinchen sind. Es trägt originale Babysachen. Und genau so sah in echt ein Baby aus, als es geboren wurde. Eine Künsterlerin hat diese Puppe nach einem lebenden Baby so modelliert.“





„Und warum hat es kein Bett?“ fragte der Junge ganz unvermittelt. „Das ist eine gute Frage, über die ich nachdenken werde,“ erwiderte Oma.

Gleich am anderen Tag fuhr sie in die nächst größere Stadt, wo es eine Firma gibt, die Kinderträume wahr macht. Dort kaufte sie eine Wiege für Vivian. Wieder zu Hause angekommen, holte sie ihre Nähmaschine heraus und begann zu nähen: eine Matratze, ein Unterbett, ein Oberbett mit Kopfkissen und einen Himmel; denn es sollte ein Himmelbett, in diesem Fall eine Himmelbett-Wiege, sein.





Zum Schluß nähte sie noch aus einem ganz flauschigen Vlies eine Babydecke, die sie anschließend mit einer breiten, gehäkelten Borde und mit gehäkelten Blüten versah. Die erforderlichen Kissen fertigte sie aus Inlettstoff und füllte sie mit Gänsedaunen aus einem Kinderbett ihrer erwachsenen Kinder.





Natürlich war das mit ziemlich viel Arbeit verbunden. Aber bis zum nächsten Dienstag hatte sie alles fertig. Und als der kleine Junge das Ergebnis sah, nickte er zufrieden.





Bei dieser Gelegenheit fragte Oma ihn so ganz nebenbei: „Wäre es nicht schön, wenn du noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen bekommen würdest?“ „Nein, das will ich nicht, das dauert mir viel zu lange,“ war seine Antwort, „Mama, Papa und ich, wir bleiben allein.“

„Schade,“ dachte Oma, „ich hätte eine rosa Himmelbett-Wiege zu verschenken und könnte mich sogar von einigen Künstlerpuppen trennen...“



Oma liebt:

Vergißmeinnicht







„Hast du aber schöne blaue Blumen!“ Über diese Begrüßung ihres Enkels war Oma natürlich hoch erfreut. „Ja, mein Schatz, mir gefallen die himmelblauen Blüten auch sehr. Sie passen so gut zu Tulpen, Akeleien und vielen anderen Frühlingsblumen. Der Name ist übrigens 'Vergißmeinnicht'.“

„Kommen die auch immer wieder?“ fragte der kleine Junge. „Na ja,“ antwortete Oma, „das ist eine etwas längere Geschichte. Vergißmeinnicht gehören zu den einjährigen Pflanzen. Das bedeutet, daß sie nur einen Frühling lang blühen. Wie du siehst, sind sie jetzt wunderschön. Im Verblühen aber sehen sie nicht mehr so toll aus. Sie neigen dann zu Mehltau. Die grünen Blätter werden langsam gelb, so daß viele Menschen sie einfach ausreißen und in die Biotonne werfen.

Ich reiße sie auch aus, verteile die ausgeblühten Pflanzen dann aber einfach unter den Sträuchern, also unterm Schneeball, unterm Falschen Jasmin oder unter der Brautspiere. Dort lasse ich sie eine Zeitlang liegen, bis ihre Samen herausgefallen sind. Und dann erst entsorge ich die Pflanzen in der Biotonne.

Schon bald danach wird es unter den Sträuchern grün. Das sind die Vergißmeinnichtkinder, die bis zum Herbst zu kräftigen Pflanzen herangewachsen sind und dann nach dem Winter im nächsten Frühjahr blühen. Bevor sie blühen, kann man sie ausgraben und dorthin pflanzen, wo man sie haben möchte, zum Beispiel zu den Tulpen, oder man setzt sie einfach in ein Gefäß.




Wenn man es richtig macht, hat man also jedes Jahr kostenlos diese schönen Frühlingsblumen. Dazu gibt es den Satz: 'Einmal Vergißmeinnicht, immer Vergißmeinnicht'. Und so ist es auch.




Wer sich diese Arbeit ersparen will, kann auf das Kaukasusvergißmeinnicht mit seinen schönen herzförmigen grünen Blättern zurückgreifen. Das ist eine Staude, die jedes Jahr immer wieder aus der Erde austreibt, ohne daß man etwas tun muß. Sie sieht vom Frühling bis zum Herbst gut aus, wird mit jedem Jahr schöner und wächst zu einer kräftigen, buschigen Pflanze heran. Außerdem finde ich, daß das Blau dieser Blüten einfach traumhaft und noch viel intensiver als beim einjährigen Vergißmeinnicht ist.




Von diesem Staudenvergißmeinnicht gibt es verschiedene neue Züchtungen, zum Beispiel auch mit weißen Blüten, mit silbrigen Blättern und grünen Adern und einiges mehr.

Wenn man ein Kaukasusvergißmeinnicht hat und mehr davon haben möchte, kann man es durch Teilung oder Wurzelschnittlinge vermehren, das heißt, daß man aus einer einzigen Pflanze ganz viele machen kann.“

„Oma, hast du das schon probiert?“ fragte der kleine Junge. „Ja, das habe ich.“ „Und hat das auch mal funktioniert?“ „Nicht nur einmal, komm, ich zeig' dir die zahlreichen Nachkommen eines einzelnen Staudenvergißmeinnichts.“

Hand in Hand begaben sich die beiden auf 'Spurensuche' in Omas Garten...


Oma strickt:
Massenweise Puppenstrümpfe

Es begann eigentlich alles ganz harmlos. Zu Omas Künstlerpuppen von der Firma Zapf gehören unter anderem Olivia und Oliver von Christine Kleinert aus dem Jahre 1995. Olivia trug ein rot-schwarz-kariertes Kleid aus reiner Seide mit weißem Kragen, Samtband um Taille und im Haar, Oliver im Partnerlook dazu passend Samthose, karierte Seidenweste, weißes Hemd mit Samtbändchen und - nicht zu vergessen – die Samtmütze.








Die Zeiten ändern sich und Omas Geschmack auch. Eines Tages begannn sie zu zeichnen, entwarf Modelle, fertigte Schnitte aus Papier an und begann schließlich zu nähen. Von der Unterwäsche bis zur Kopfbedeckung war alles kein Problem.








Da die weißen Strümpfe ihres Erachtens nun auch nicht mehr paßten, schaute sie sich im Bastelladen um. Über das, was sie dort vorfand, konnte sie nur mit dem Kopf schütteln. Sie war der Meinung, daß sie es bedeutend besser könne, und begann zu Hause sofort zu stricken. Das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen.








Da sie nun schon Stricknadeln in der Stärke 1,0 und 1,5 gekauft hatte, bekam die Dani auch ein Paar Strümpfe, und zwar mit genau dem Lochmuster, das in Omas Kindheit so modern war. Sie beherrschte es tatsächlich noch nach so vielen Jahren. Und sie erinnerte sich außerdem an sooo viele andere Muster. Vielleicht eigneten sich einige davon ebenfalls für Puppenstrümpfe. Das erforderte nicht nur ihre volle Konzentration, sondern hatte vor allen Dingen auch viel mit Mathematik zu tun.





Als sie nach und nach sämtliche Muster ausprobiert und massenweise Puppenstrümpfe in verschiedenen Längen und Größen angefertigt hatte, wurde es sehr kniffelig. Nun waren die ganz kleinen Strümpfchen an der Reihe, und zwar für 'Colette', die Spielpuppen von Zapf.





Oma strickte und strickte. Sie strickte zwischen Suppe und Kartoffeln. Sie strickte beim Fernsehen. Und sie strickte sogar im Urlaub auf Mallorca. Während sie dort auf dem Balkon saß, begutachtete eine junge Spanierin vom Zimmerservice die fertigen Strümpfe und hielt ihren Daumen hoch. Wenigstens dort wußte man die gute, alte Handarbeit noch zu schätzen.

Als Oma wieder zu Hause war und abends strickend vor dem Fernseher saß, machte es auf einmal PENG und das Licht war aus. Sie ging ins Fachgeschäft, um eine Ersatzbirne zu kaufen, staunte dort aber nicht schlecht. Die Glühbirnen gab es nur im Zweierpack, und als man ihr den Preis nannte, sagte sie: „Eigentlich wollte ich nur eine Glühbirne und keine neue Lampe kaufen.“ Wenn Leistung und Gegenleistung nicht in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen, kennt Oma keine Gnade. Sie verließ den Laden, stellte die Lampe in den Keller und bei der nächstbesten Gelegenheit zum Sperrmüll. Und genauso plötzlich, wie alles angefangen hatte, wurde es beendet.

Die Tischlampe zu ihrer Linken eignet sich nämlich nicht für Handarbeiten. Das diffuse Licht reicht gerade mal aus, um in Gartenzeitungen zu blättern. Was Stehlampen und das erforderliche 'Zubehör' angeht, ist sie sehr mißtrauisch geworden. Und eigentlich steht sowieso schon viel zuviel im Wohnzimmer.


Oma staunt:
Immer mal wieder über ihren Enkel

Oma gehört zu der Nachkriegsgeneration. Spielsachen für Kinder waren da eher die Ausnahme. Es gab zwar Mütter, die Stoffpuppen oder Stoffbälle nähten. Und Väter, wenn sie nach der Kriegsgefangenschaft zu ihren Familien heimkehrten, schreinerten vielleicht zu Weihnachten ein Auto für den Sohn oder ein Puppenbett für die Tochter. Weil es damals fast nichts zu kaufen gab, wurden oft sogar verrostete, krumme Nägel wieder gerade geklopft, um sie noch einmal zu verwenden. Wenn jemand eine Laubsäge besaß, war er ein Glückspilz, und wenn ein Sägeblatt zerbrach, kam das einer Katastrophe gleich.

Die Kinder spielten auf der Straße: Kriegen, Verstecken und Hinkeln, sofern sie irgendwo eine Glasscherbe dafür fanden. Gab es eine Rasenfläche, wurde dort geturnt: Kopfstand, Handstand, Handstand mit Überschlag zur Brücke, Brücke rückwärts, Radschlagen.

Im Herbst und Winter, wenn es schon früh dunkel wurde, saß die Familie zusammen. Es wurde gesungen, vorgelesen, gebastelt, gehäkelt, gestrickt, Gedichte abgefragt, Spiele gemacht (Mensch ärgere dich nicht, Mühle und Dame auf Pappkarton aufgezeichnet) und natürlich 'von früher' erzählt. Besonders beliebt waren die Gruselgeschichten.

Man besaß nichts. Aber eine (fast) komplette Familie war damals alles.

Doch diese alten Geschichten möchte heute niemand mehr hören.





Omas Nachtschränkchen sind vollgestopft mit Büchern, Spielen und Puzzles. Auf dem Kellerpodest steht eine große Kiste mit weiteren Spielsachen. Die größeren Autos sind im Keller und das neue Go Cart steht in der Garage. Wenn Oma dennoch immer mal wieder den Satz zu hören bekommt: 'Der Junge hat nichts zum Spielen, andere Kinder haben viel mehr', kann sie nur verständnislos mit dem Kopf schütteln.

Natürlich lebt sie nicht hinterm Mond, ist Neuem gegenüber durchaus aufgeschlossen. Sie ist allerdings der Meinung, dass es auf das richtige Maß ankommt. Nicht alles war schlecht, was früher den Kindern Spaß gemacht hat. Es sind ja schließlich lebenstüchtige Menschen aus ihnen geworden, die das Wirtschaftswunder möglich gemacht haben.

Zu seinem Geburtstag bekam der kleine Junge von der Oma ein großes und ein kleines Geschenk: ein Go Cart der Marke Puky und die DVD 'Oh, wie schön ist Panama' von Janosch. Kommentar des kleinen Jungen zum großen Geschenk: „Das geht mir viel zu schwer.“ Es steht seitdem unbenutzt in der Garage. Aber das kleine Geschenk ist für ihn etwas ganz Großes. Es vergeht kein Dienstag, an dem er es, wenn er gegen abend langsam müde wird, nicht anschauen möchte.

Kürzlich kam es zu folgendem Dialog zwischen den beiden:
'Oma, ich kann 'Panama' jetzt auch zu Hause anschauen.'
'Hat Mama dir die DVD etwa auch gekauft?'
'Nein, der Papa hat mir das aus dem Internet 'runtergeladen.'
'Runtergeladen?'
'Ja, das geht ganz einfach.'
'Dann paß mal schön dabei auf, damit du mir das auch zeigen kannst. Ich muß die DVDs nämlich immer bei Media-Park kaufen. Und die sind nicht gerade billig.'





Um ihrem Enkel etwas Neues zu bieten, legte sie einfach mal 'Sammys Abenteuer' in den DVD-Player. Als der kleine Junge protestierte, sagte sie: „Wir schauen paar Minuten. Wenn dir das nicht gefällt, stelle ich es sofort wieder aus.“ Und ob es ihm gefiel! Einige Tage später rief Mama die Oma an und fragte sie, was denn das für eine tolle Geschichte wäre, die von Sammy, Shelly und Ray handelt. Ihr Junge würde immer darüber sprechen.





So geschah es auch mit dem Oscar nominierten Film 'Der Grüffolo'. Und am letzten Dienstag sah er zum ersten Mal das Dschungel-Abenteuer 'Kleiner Dodo', in welchem der kleine Orang-Utan-Junge Dodo ein Dingsbums, nämlich eine Geige (Violine), findet und ihr am Ende die wunderschönsten Töne entlockt.





Im Anschluß an den Film folgender Dialog:
'Wie wäre es, wenn du das Geigenspiel auch später erlernen würdest? Besonders der Opa wäre sehr stolz auf dich.'
'Nein, das will ich nicht.'
'Und warum nicht?'
'Ich nehme das Cello.'
'Wie kommst du auf das Cello (Violincello)?'
'Die Einsteins haben das auch.'
'Welche Einsteins? Ich kenne nur Albert Einstein, den genialen Physiker und Nobelpreisträger. Aber der ist schon lange tot. Lustig war der aber auch. Er hatte im Alter weiße Haare, eine Wuschelfrisur und auf einem Foto streckt er ganz frech seine Zunge 'raus.'
'Nein, den mein' ich nicht.'
'Einen anderen kenne ich nicht. Aber der hatte drei Kinder. Vielleicht ist es eins davon...'
'Oma, wir laden dich zu uns ein. Dann kannst du dir das anschauen.'
'Okay, dann vergiß das mal nicht. Ich bin sehr gespannt.'

Da Oma zwar schon ziemlich alt, aber dennoch neugierig geblieben ist, schaute sie gleich am Abend im Internet nach. Aha! Da gibt es 'Disneys kleine Einsteins', und zwar jede Menge. Das kann ja nichts Schlechtes sein. Sie hörte auch mal kurz 'rein. Es begann gleich mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Oma war begeistert.

Der nächste Film wird von den Einstens handeln und im Computer angeschaut. Vielleicht macht ihr dreijähriger Enkel es sich dabei doch noch mal auf ihrem Schoß gemütlich, obwohl er ja schon 'ein großer Junge' ist. Klar, wer Einstein kennt und Mozart hört...

Das ist nicht mehr wie früher mit 'Schornsteinfeger ging spazieren...'



Oma probiert's:
Radieschen im Blumenkübel

1. Teil
Für Dienstag, den 24. März, hatte der kleine Junge schon Pläne und begrüßte seine Oma mit folgenden Worten: „Oma, ich möchte heute mit dir zum neuen Spielplatz auf dem Hügel.“ „Den kenne ich nicht, aber wenn du den Weg weißt, können wir das gerne machen.

Aber zuerst brauche ich noch deine Hilfe. Kennst du Radieschen?“ Als der Junge verneinte, fuhr sie, indem sie ihm das Bild auf der Samentüte zeigte, fort: „Schau mal, die sehen so aus. Sie sind lecker und gesund. Man kann sie auf dem Butterbrot, im Salat oder einfach nur so zum Spaß essen. In dieser Tüte sind die Samen, die wir gleich aussäen werden.“

Oma hatte die Erde in einem rechteckigen Pflanzkübel schon umgegraben, etwas neue Erde, Naturdünger und Dolomitkalk dazu gemischt und alle Gartenutensilien bereit gelegt. Sie markierte drei Rillen, holte die Saatbänder aus der Tüte, nahm Maß am Kübel und schnitt sie mit der Schere passend zu. Ihr Enkel durfte sie in die Rillen legen und mit den Fingern andrücken. „Holst du bitte mal die kleine Gießkanne, damit wir die Saatbänder anfeuchten können?“ Er lief gleich los, kam mit der Kanne zurück und übersprühte den Pflanzkübel, ohne daß Oma auch nur ein Wort sagen mußte. Dann wurde alles leicht mit Erde bedeckt und noch einmal kräftig angegossen. Die Samentüte spießten sie auf und steckten sie in den Kübel, damit jeder erkennen kann, was dort gesät wurde

„Und jetzt, mein Schatz, müssen wir einfach nur abwarten und den Kübel immer feucht halten. Wenn es nicht zu kalt ist, können wir in zwei Wochen bestimmt schon winzige Blätter sehen.“





Der kleine Junge aber war mit seinen Gedanken schon auf dem Spielplatz. Er holte wortlos sein Rädchen und setzte seinen Fahrradhelm auf, weil er genau wußte, daß Oma Versprechen immer einhält.
2. Teil
Am 12. April, einem Sonntag, entdeckte Oma endlich winzige Radieschenpflänzchen. Sie meinte, dass es aber auch höchste Zeit wurde. Zum Beweis machte sie ein Foto, um es ihrem Enkel zu zeigen für den Fall, dass es am Dienstag wieder in Strömen regnen sollte.




Der kleine Junge war begeistert, als er die winzigen Blätter sah. Von da ab lief er jeden Dienstag zuerst zum Kübel. Und tatsächlich konnte er jedesmal kleine Veränderungen feststellen! Die Blätter wurden immer größer und langsam zeigte sich ein roter Wurzelhals. „Nun, da die Blätter groß genug sind, beginnen die Radieschen in der Erde zu wachsen,“ erklärte Oma. Und ihr Enkel strahlte.




3. Teil
„Herzlichen Glückwunsch zum Muttertag,“ rief der kleine Junge, als er am 10. Mai mit Mama und Papa die Oma besuchte. Sie schenkten ihr einige Gartenzeitungen und einen Blumenstrauß. Während Oma noch damit beschäftigt war, alles anzuschauen und sich zu bedanken, war ihr Enkel kurz verschwunden. Er kam zurück mit einer Handvoll Radieschen und übergab sie der Oma mit den Worten: „Und hier sind auch noch deine Radieschen.“




Das Ernten hatte Oma sich eigentlich anders vorgestellt. Sie wollte es mit dem kleinen Jungen zusammen tun. Aber so war er nun einmal. Er fackelte nicht lange, sondern tat, was getan werden mußte und das nicht nur an diesem Tag. Das kam Oma irgendwie bekannt vor. Doch als er die Radieschen, nachdem Oma sie abgewaschen hatte, probieren sollte, sagte er „Nein danke, die mag ich nicht,“ drehte sich um und lief weg. Schade, denn im anderen Kübel wächst schon die nächste Generation Radieschen heran. Und diesesmal keimten sie bereits nach 8 Tagen, wie es auf dem Tütchen steht.

Oma findet, daß der Zweck trotzdem erreicht wurde. Sie wollte ihrem kleinen Enkel nur zeigen, daß Radieschen in der Erde und nicht im Supermarkt wachsen.


Oma schaut zu: 

Wie der kleine Junge ein Baustellenfahrzeug montiert

Die Begrüßung lautete in letzter Zeit oft: „Hol schon mal den Computer, Oma, die Mama hat auf einen Zettel geschrieben, was ich heute gucken möchte.“ Mit Disney's 'Kleinen Einsteins' fing alles ganz harmlos an. 



Seit der kleine Junge weiß, daß die Oma es schafft, seine Wünsche zu erfüllen, macht er sich schon zu Hause Gedanken darüber, was er im Computer anschauen möchte. 





Es kam schon vor, daß er furchtbar traurig war, weil Mama vergessen hatte, den Zettel in seine Jackentasche zu stecken. „Wenn du weißt, was du gerne schauen möchtest, dann geht das auch ohne einen Zettel,“ sagte Oma. „Das sind die Wolkenkinder,“ lautete seine prompte Antwort. Oma tippte das Wort 'Wolkenkinder' ein, Google begann sofort mit der Suche und wurde fündig. 



 


„Jaaa, Oma, jaaa, das sind sie,“ rief er entzückt. Sie entdeckte auch noch etwas anderes für ihn, denn sie weiß, daß ihr Enkel von Geburt an ein kleiner Technikfreak ist: 'Monster Truck Repair – Car Repair' ( Reparaturwerkstatt). 




Und daran kann sich dieser kleine Junge einfach nicht sattsehen. Für ihn gibt es nichts, was interessanter ist als das. Um ihn davon wegzukriegen, muß sie sich schon ganz außergewöhnliche Spiele einfallen lassen.






Am Dienstag kam er endlich einmal ohne Zettel, stürmte ins Treppenhaus mit den Worten: „Oma, dieses Baustellenfahrzeug habe ich allein zusammen geschraubt.“ „Nein,“ sagte Oma, „das glaube ich dir nicht.“ „Oma, ich zeige dir jetzt, wie das geht.“ Beide setzten sich im Eßzimmer auf den Teppich. Der kleine Junge nahm einen Lego-Schraubenzieher aus dem Karton, den Mama noch schnell auf die Treppe gestellt hatte, und ratz fatz baute er das Teil Stück für Stück auseinander. „Oje, oje, das bekommst du nie mehr zusammen.“





Das wollte er auch gar nicht. Er fischte eine Montageanleitung aus dem Karton, auf der die einzelnen Schritte abgebildet waren, und begann mit einem anderen Baustellenfahrzeug. „Schau mal, Oma, dieses Teil setze ich jetzt hier drauf. Dann schraube ich es mit dem Schraubenzieher zusammen. Wenn es falsch ist, kommt kein Geräusch. Wenn es richtig ist, dann kommt,“ er machte eine lange Pause und schaute Oma siegessicher ins Gesicht, „dann kommt dieses Geräusch.“ Dabei strahlte er seine Oma triumphierend an. „Aha, so geht das“, staunte sie, schaute auf den Karton und las: Lego 4+, reduziert auf 25,00 Euro und dann noch einmal reduziert auf 19,95 Euro. 





„Haben Mama und Papa das für dich gekauft?“ fragte Oma und fügte hinzu, „du hast doch noch keinen Geburtstag.“ „Nein, das hat mir unser Nachbar geschenkt,“ antwortete er. Oma fragte nach dem Namen des Nachbarn. „Der hat keinen Namen," klärte der kleine Junge seine Oma auf, "der heißt einfach nur 'unser Nachbar'.“ „Wenn ein Nachbar so nett ist und dir solch ein besonders schönes Geschenk macht, dann wird es aber höchste Zeit, daß er einen Namen bekommt; denn jeder Mensch hat einen Namen.“





Wie sie später erfuhr, war es der Nachbar von gegenüber, den sie ab und zu durch die hohe Buchenhecke bei der Gartenarbeit gesehen hatte. Sie nahm sich vor, sich bei nächster Gelegenheit auch noch im Namen ihres Enkels für dieses wunderbare Geschenk zu bedanken, das genau im richtigen Moment kam, nämlich in dem Moment, wo es für ihn nichts gibt, was spannender ist als die Montage eines Autos.

Alles in allem dauerte es genau eine Stunde, bis er Oma stolz das fertige Baustellenfahrzeug präsentieren konnte. Er hatte es tatsächlich allein geschafft. Eine Stunde Konzentration und Fingerfertigkeit für so einen kleinen Kerl, der in sechs Wochen erst vier Jahre alt wird, findet sie eine tolle Leistung.

„Das war ziemlich anstrengend, Oma.“ „Ich weiß, mein Schatz, aber du hast es ganz allein geschafft und ich bin wahnsinnig stolz auf dich.“ „Ja, Oma,“ sagte er leise.





Oma holte zur Stärkung ein paar Fruchtzwerge aus dem Kühlschrank und freute sich, daß sie nun auch eine Idee für ein Geburtstagsgeschenk hatte.

Kommentare:

  1. Eine sehr weise, geduldige, schlaue, gärtnernde, wunderschöne Puppenstrümpfchen strickende Oma ;-)). Nur ein armer Bär. Ich hoffe, auch für ihn gibt es eines Tages ein Happy End.
    Liebe Edith, wunderschön geschrieben mit tollen Fotos. Es hat mir sehr gefallen, hier zu lesen.
    Viele liebe Grüße
    Ursula

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  2. Danke, liebe Ursula, daß Du Dir die Zeit genommen hast. Natürlich freue ich mich sehr über Deinen Kommentar. Ich war mir unsicher, nachdem ich diese Seite eingerichtet hatte, habe aber gehofft, daß es jemanden gibt, dem sie gefallen oder sogar zu eigenen Geschichten motivieren könnten. Die Zeit mit so einem kleinen Menschen verfliegt so schnell, daß man wenigstens Momente davon festhalten möchte. Liebe Grüße Edith

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