Mittwoch, 28. Dezember 2016

Weiße Amaryllis und Barbarazweige für die 'andere' Oma meines Enkels...



Es ist eine schöne Tradition, Anfang Dezember 'Barbarazweige' vom Kirschbaum zu schneiden in der Hoffnung, dass sie dann pünktlich zu Weihnachten blühen werden.


Und tatsächlich klappte es. Am Morgen des ersten Feiertages entdeckte ich gleich mehrere Blüten. Meine Freude war groß. Ich steckte die Blütenstiele zu der weißen Amaryllis, die meine Schwiegertochter mir am Heiligabend als Dankeschön dafür geschenkt hatte, weil ich – wie versprochen, da sie noch bis mittags arbeiten musste - reichlich Kuchen gebacken und zum gemeinsamen Kaffeetrinken mitgebracht hatte.


Die Bescherung des Enkels fand am Heiligabend mit der Familie väterlicherseits und am ersten Feiertag vormittags im Hause der Eltern mütterlicherseits statt.

Am Abend des ersten Weihnachtstages brachte mein Sohn ziemlich aufgeregt meinen Enkel zu mir mit den Worten, er müsse zu seinen Schwiegereltern. Wahrscheinlich sei seine Schwiegermutter verstorben. Ich schaute ihn fassungslos an und konnte ihm gerade noch nachrufen: „Fahr vorsichtig, paß auf dich auf!“ Meine Gedanken überschlugen sich. Wieso tot? Vor drei Tagen hatte sie bei bester Gesundheit freudestrahlend verkündet, dass sie ihre Rente durch habe.


Ich trug meinen Enkel ins Esszimmer und ließ mich mit ihm in den großen Sessel fallen. Uns beiden kullerten Tränen über die Wangen. Da sagte mein Enkel: „Oma, vielleicht hat meine andere Oma ja Glück und ist gar nicht tot.“ „Ja, hoffentlich hat sie Glück. Vielleicht ist es nur eine Ohnmacht, aus der sie inzwischen wieder erwacht ist. Selbst aus einem Koma kann man wieder zurück ins Leben kommen,“ fügte ich hinzu. Und mein Enkel sagte: „Die Tante hat sofort den Rettungswagen angerufen.“ „Dann hat sie bestimmt Glück“, machte ich uns beiden Mut.


Sie hatte kein Glück. Als mein Sohn seinen Jungen nach einer gefühlten Ewigkeit abholte, sagte er nur: „Komm, wir fahren jetzt nach Hause. Die Mama bleibt heute Nacht beim Opa.“ „Lass den Kleinen nicht allein in seinem Zimmer schlafen, nimm ihn mit zu dir“, gab ich ihm noch mit auf den Weg.


SIE war die Samstags-Oma, die Mutter meiner Schwiegertochter. Natürlich sah sie den Jungen viel öfter als ich. Das war auch in Ordnung für mich, weil ein Mutter-Tochter-Verhältnis immer enger ist als das Verhältnis zur Schwiegermutter.


Die 'andere Oma' erzählte dem Jungen, was sie Interessantes in der Zeitung gelesen hatte, ging mit ihm auf Spielplätze, zeigte ihm Tiere in dem ländlichen Ort und spielte auf dem großen Rasen hinter dem Haus mit ihm Fußball. Sie starb an einem Hinterwandinfarkt, wurde 65 Jahre alt und würde wahrscheinlich noch leben, hätte man sie nicht im Krankenhaus, wo sie sich Stunden vorher wegen Brust-, Rücken- und Bauchschmerzen vorgestellt hatte, mit Tabletten nach Hause geschickt.


Außer Gesundheit habe ich meinem Enkel immer gewünscht, dass er nie die Erfahrung machen muss, in jungen Jahren einen geliebten Menschen zu verlieren. Er ist fünf Jahre alt und war bis jetzt so ein fröhliches Kind. Wenn er zu mir über sie spricht, nennt er sie immer 'meine andere Oma'.

Nein, so hatte ich mir Weihnachten und den Jahreswechsel nicht vorgestellt. Meine Gedanken sind bei all denen, die sie liebten, die um sie trauern, denen sie so sehr fehlen wird. 

Zum Gedenken an
Margarete

Kommentare:

  1. oh nein....
    mein aufrichtiges Beileid..
    das ist ein schlimmer Schock für die ganze Familie..
    ich wünsch euch allen viel Kraft
    so gesehen ist es wirklich gut dass dein Enkel so viel von seiner Oma hatte
    das wird ihm im Gedächtnis bleiben..
    ich drück dich mal in Gedanken..
    Rosi

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  2. Liebe Edith,
    das tut mir zu tiefst leid, für Euch alle und für die andere Oma...
    Es erschüttert mich was ich lese...

    Ich wünsche Euch allen von Herzen Kraft, dies alles zu verarbeiten,
    auf dem Weg der Trauer, des Abschieds....
    Gut, dass Ihr Euch gegenseitig habt und
    ein wenig gegenseitig stützen könnt...
    vor allem auch Omas Mann und seine Tochter....
    Meine Anteilnahme für alle!!!
    Und gute Wünsche für Margarete!!!!
    In Gedanken verbunden,
    herzlichst
    Monika*
    Eine liebe Umarmung auch von mir.....
    liebevoll dein Post!

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  3. Liebe Edith, aus deinen liebevollen Zeilen an die Großmutter Margarete entnehme ich so viel Respekt und Anerkennung. Ich finde es so besonders, wenn Großeltern untereinander nicht konkurrieren, sondern ihren Kindern und Enkelkindern jeder das geben, was in ihnen steckt. Traurig, wenn ein Leben gerade dann endet, wenn das Rentenalter erreicht ist. Und traurig, wenn man Tabletten in die Hand gedrückt bekommt und wieder nach Hause geschickt wird, statt genauer hinzuschauen. So traurig, wenn ein Tod, der möglichweise hätte verhindert werden können, nicht verhindert wurde. Mein aufrichtiges Beileid gilt eurer Familie.

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  4. Das tut mir sehr leid, wenn ihr so schnell eure andere Oma verlieren mußtet und das gerade zu Weihnachten. Die andere Oma hätte sicherlich auch noch viel Freude an ihrem Enkel gehabt. Ich wünsche euch allen viel Kraft für die nächste Zeit, vorallem deiner Schwiegertochter und deinem Sohn mit Kind. Meinen Bruder erging das vor 2 Jahren genau so, wenn nicht seine Tochter so hartnäckig ihn ins Krankenhaus gebracht hätte. Er kam von der Arbeit und wollte gerade zur Jagd in den Wald fahren, als es ihm plötzlich nicht mehr gut ging. Zum Glück kam seine Tochter dazu und reagierte sofort. Ja, so ein Hinterwandinfarkt wird oft nicht erkannt, mein Cousin passierte das letztes Jahr an Weihnachten, im Sommer ein 2.Mal und im Spätherbst ein 3.Mal.
    Mein aufrichtiges Beileid gilt eurer Familie und besonders auch dir und dem Kleinen. Er wird dich jetzt noch mehr brauchen und viele Fragen haben.
    Ilona

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  5. Liebe Edith,
    deine Zeilen haben mich gerade sehr berührt. Wie sehr habe ich am Anfang noch gehofft, dass weiter unter alles gut ausgehen wird. Es ist sehr traurig, wenn so etwas passiert, das man vielleicht hätte verhindern können. Ich wünsche euch für die nächste Zeit ganz viel Kraft.
    Sei ganz lieb umarmt.
    Doris

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  6. Liebe Edith,
    das tut mir sehr leid. 65 Jahre und sie hat sich bestimmt auf ihre Rente und ein schönes Leben gefreut. Nun, manchen Menschen ist es eben nicht vergönnt.
    Inwieweit nun das Krankenhaus Schuld hat, mag ich nicht zu beurteilen, weil ich die Situation nicht kenne. Aber einiges sei gesagt, trotz Meckern und schimpfen. Wir haben hier in Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme, die es gibt. Das hat mein Sohn und meine Schwiegertochter in Polen erfahren. Sie mußten mit dem kleinen Kind ins Krankenhaus, eine OP stand an.
    Die näheren Umstände möchte ich hier nun nicht schildern.

    Mein Beileid dem kleinen Mann, der nun in diesem Alter schon so früh mit dem Tod konfrontiert wird.

    Mit ganz lieben Grüßen Eva

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  7. Liebe Edith,
    es tut mir sehr leid, dass ihr so einen Verlust erleben musstet. Und gerade Weihnachten, aber es ist immer schlimm. Wie gut, dass der Kleine eine intensive Zeit mit der anderen Oma erleben durfte. So wird er viele Erinnerungen hoffentlich behalten.

    Liebe Grüße
    Margrit

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  8. Liebe Edith, so etwas ist total tragisch. Fassungslos macht mich immer wieder, wenn Menschen mit Beschwerden abgewiesen werden ohne sich näher damit zu beschäftigen. Dies auch noch obwohl man heute weiß, dass diese Symptome typische Vorboten bei Herzinfarkten bei Frauen sind. Mein aufrichtiger Beileid

    Lg kathrin

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  9. Oh oh, so jung zu sterben ist schrecklich. Sie hatte sicher noch so viel vor. Im Moment hört man aber auch nichts Gutes!

    Bei meinen Nachbarn hat es auch vor Weihnachten direkt eingeschlagen. Ich wünsche dir trotz allem einen guten Rutsch, liebe Edith, das neue Jahr wird besser, ganz sicher. Und die weißen Blumen gefallen ihr sicher.

    Sigrun

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  10. Von heute auf morgen kann sich das Leben verändern. Ja es ist traurig wenn jemand so jung sterben muss und es auch noch hätte verhindert werden können. Kinder können oft mit dem Tod besser umgehen als die Erwachsenen, sie begreifen den Tod anders. Nun schaut sie von oben herunter und freut sich über die schönen Blumen.
    Alles Gute für dich und die Familie im Jahr 2017, herzlichst, Klärchen

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  11. Liebe Edith,
    ganz betroffen lese ich jetzt hier bei Dir nach und stelle mal wieder fest, dass die Feiertage wirklich eine schwierige Zeit sind. Mit der Ungewißheit leben zu müssen, dass ein funktionierender Notdienst vielleicht das Leben der anderen Oma Margarete hätte retten können, macht so einen Abschied noch um einiges schwerer …

    Meiner Großmutter war morgens am 31.12.2010 zwar nicht mehr zu helfen. Aber dass der Notarzt sie wegen Überlastung einfach vergessen hatte, und meine Mutter dann einige Stunden mit ihr in der Ungewißheit verbringen musste, ob es nun wieder nur einer ihrer komatösen Anfälle war, oder sie es zum Jahresende nun doch endlich mit 102 Jahren geschafft hatte zu sterben - das war schon heftig. Erst als meine Mutter dann gegen 18 Uhr nochmals beim Notdienst anrief, kam endlich ein überlasteter Arzt und stellte den Totenschein aus. Auch wenn wir wohl immer noch im Vergleich zu anderen Ländern ein gutes Gesundheitssystem haben, so sind Kassenpatienten wohl immer mehr auch hier auf der Verliererseite.
    Ich hoffe, Dein Enkel kann den Verlust der anderen Oma einigermaßen überwinden, und Du wirst im Laufe der Zeit die Doppelrolle übernehmen …
    Mitfühlende Grüße von Silke

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  12. Liebe Edith,
    ich lese es hier erst jetzt und bin ganz betroffen. Mein aufrichtiges Beileid.
    Stille Grüße
    Ursula

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