Dienstag, 12. Januar 2016

Von welchen, die auszogen, den Winter zu suchen...



Dass ich beim Öffnen meiner Schranktür mit vorwurfsvollem Gemaule begrüßt werde, kommt eher selten vor. Heute war so ein Tag. Und es war auch nicht zu überhören, woher es kam.



'Ach ja, mein Lieber, du hast ja recht', sagte ich zu ihm, nahm ihn aus dem Schrank, holte ihn aus der Verpackung und legte ihn auf den Tisch. 'Schlechte Laune, was,' fuhr ich fort, 'aber ich kann doch auch nichts dafür, dass ich dich noch nicht ausführen und vorzeigen konnte. Schau doch mal nach draußen. Ist das ein Wetter für solch einen langen, bunten, kuscheligen Schal, wie du einer bist? Aber vielleicht magst du es ja, wenn ich dich als Deko auf mein Sofa lege, nein, auch nicht? Nun mach doch nicht so ein Gesicht...'



Ich überlegte, trug ihn wieder ins Eßzimmer und ließ ihn durch die Terrassentür nach draußen schauen. Und da hüpfte er mir plötzlich aus der Hand. Es schien, als würde er sich regelrecht an der Scheibe festkrallen. 'Okay, dann bringe ich dich jetzt nach draußen. Da kannst du mit der Windhose um die Wette flattern, wenn dich der kalte Wind durchpustet.' Seht euch das nur an, liebe Leser, wie er jetzt strahlt. 



Wie ein übermütiges Kind tanzte er am Pavillon. Und ob es ihm da gefiel!



Als ich wieder im Haus war, kam es, wie es kommen mußte. Aus der Vitrine, von der Fensterbank, aus einer großen Schachtel, überall her kam ein Gemurmel und ein Raunen, das laut und lauter wurde. Alle wollten nun auch nach draußen und sich selbst davon überzeugen, ob der Winter uns in diesem Jahr tatsächlich vergessen hat. 


Desiree stand schon seit Winteranfang mit Mütze, Schal und Handschuhen auf der Fensterbank im Wohnzimmer und schaute sehnsüchtig nach draußen.



Auch Florian hatte seinen bunten Schal umgebunden, seine Mütze aufgesetzt und wartete startklar in der Vitrine. Und wie ihre Augen strahlten, als ich die beiden nach draußen brachte! 
 

Ja, und dann war da noch Kirima, das kleine Eskimomädchen. Das ganze Jahr über viel zu warm eingepackt, hatte es den anderen oft vom Winter in seinem Land erzählt und machte einen erleichterten Seufzer beim ersten Atemzug an der frischen Luft. Einen Moment lang hatte ich einen Verdacht. War die Jüngste von allen mit ihren zauberhaften Wintermärchen etwa die Unruhestifterin? 



Bevor es am Nachmittag dunkel wurde, trug ich die drei wieder ins Haus. Und als ich schließlich noch den wunderschönen, bunten, im Wind wehenden Schal ins Haus holen wollte, war ein Gewusel und Gewimmel auf der Terrasse. Jetzt wurden sogar die Kleinen noch aufmüpfig! Mir schwante, dass sich da etwas zusammenbraut. Plötzlich zogen sich alle eine Pudelmütze über, formierten sich und dann setzte sich die Karawane auch schon Richtung Gartentor in Bewegung.



'Eine Völkerwanderung', schoss es mir durch den Kopf. 'Wenn ihr euch schon auf den Weg macht, um den Winter zu suchen', rief ich ihnen zu, 'dann dreht vorher wenigstens noch eine Runde durch meinen Garten, sammelt Schneckeneier & Co. für unterwegs ein. Das seid ihr mir nun aber schuldig, wenn ihr euch schon meiner Pudelmützen bemächtigt habt.' Und tatsächlich kehrten sie um und zogen kurze Zeit später mit prall gefüllten Mützen von dannen...



Den Mützen trauere ich nicht nach. Ich wußte sowieso nichts mit ihnen anzufangen, hatte sie aus Wollresten gestrickt.

'Gute Reise!      Bon voyage!        Buon viaggio, arrivederci, ciao!'
rief ich ihnen noch hinterher.                                         


Und Euch, meinen lieben Leserinnen und Lesern, wünsche ich auch eine gute Reise durch die Woche.

Kommentare:

  1. Also wenn der Wetterbericht stimmt, dann kann der Schal nun gute Dienste leisten. Hübsch ist er.

    LG kathrin

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  2. Hallo Edith,
    alle deine wunderschönen, bunten Maschen können sich freuen, denn der Winter kommt mit großen Schritten...
    Deine zauberhafte Geschichte hat mir gut gefallen und die Puppen sind ein Traum!
    LG Heidi

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  3. Hallo Edith,
    ich habe mich köstlich amüsiert über den Aufstand der Mützen.
    Auch bei mir maulen Daunenjacke und gestrickter Schal darüber, dass sie nun schon den zweiten Winter in Folge im Schrank bleiben müssen.
    Ich wünsche Dir einen guten Tag ohne Revolutionen.
    Liebe Grüße von Ingrid

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  4. Schöne Geschichte. :)))
    Meine Schals haben keinen Grund zum Meckern. Wenn ich rausgehe, darf immer einer mit.

    Viele Grüße
    Margrit

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  5. Liebe Edith,
    da hast du aber jede Menge zu tun, es jedem recht zu machen ;-))). So schöne Puppen. Die Mützen-Parade ist echt witzig.
    Es soll ja "Schal-Wetter" geben.
    Viele Grüße
    Ursula

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  6. Meine Güte! Was für eine Mühe hinter dieser schönen, bebilderten Wintergeschichte steckt. Herzlichen Dank dafür!

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  7. Hallo Edith, wie niedlich sind all die kleinen Mützen und deine Geschichte wieder so nett erzählt. Meine dicken Winterschals haben schon länger Ausgang...ohne könnte ich gar nicht rausgehen. ;-)
    LG Marita

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  8. Sehr vergnüglich, liebe Edith :-)

    Kuschelige Winterwollegrüße
    Xenia

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  9. Liebe Edith,
    Mit einem schmunzeln im Gesicht, habe ich deine wunderbaren Gedanken gelesen. Bei uns sollen heute Abend die ersten Schneeflocken fallen. Haben deine niedlichen Mützchen etwa wirklich den Winter gefunden? Dann kommt er vielleicht doch nochmal zu uns und dein schöner Schal kommt endlich zum Einsatz.
    Viele Grüße Doris

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  10. Liebe Edith,
    was für ein schöner Post :-)
    Und nun soll es ja wirklich überall richtig Winter werden!
    Mal schauen :-)
    Ganz viele liebe Grüße
    sendet dir die Urte :-)

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