Donnerstag, 28. Januar 2016

Mit Tulpen unterwegs...



Im Supermarkt meines Vertrauens lachten mich bei meinem gestrigen Einkauf auf dem Weg zur Kasse Tulpen an in einer Farbe, die ich sehr mag.

Mit meinem Strauß zu Hause angekommen, holte ich eine passende Vase, schnitt die Stiele der Tulpen an und plötzlich - wie aus dem Nichts - war sie wieder da, eine Erinnerung, die sich zu dieser Tulpenfarbe in meinem Kopf festgesetzt zu haben scheint.


Es war das Wochenende vor Ostern. Meine Schwiegertochter stand vor meiner Haustür und überreichte mir einen Arm voller Tulpen, die sie wegen des bevorstehenden langen Wochenendes fast zum Nulltarif erstanden hatte.


Ich stellte einen Strauß auf den Eßzimmertisch. Dann machte ich zwei Sträuße für den Friedhof fertig. Ich hatte lieben Besuch, der sich anbot, die Blumen zum Friedhof zu bringen. Als er aber sah, dass ich die Vasen mit Wasser gefüllt und in einen großen Eimer gestellt hatte, schaute er mich fragend an. Ich vermutete, dass auf dem Friedhof das Wasser noch abgestellt war. 'Okay', sagte ich, 'ich komme mit', setzte mich auf den Beifahrersitz, den Eimer mit den Blumenvasen zwischen den Knien eingeklemmt.


Wir fuhren stadteinwärts. An der großen Kreuzung sprang die Ampel gerade von Rot auf Grün. Mein Fahrer setzte den Blinker links und fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit, obwohl in diesem Moment ein Höllenlärm einsetzte, auf die Kreuzung zu.



In Bruchteilen von Sekunden überschlugen sich meine Gedanken:
Alles geschah irgendwie gleichzeitig.
Die Erkenntnis: Der hält nicht an!
Zwischen einem haltenden LKW und dem Sparkassengebäude sah ich, wie Rettungswagen, Notarzt und Polizei von links angerast kamen.
Vor meinen Augen blätterte jemand im Zeitraffertempo in einem Buch, auf dessen Seiten ich Stationen meines Lebens erkannte.
Mich packte das blanke Entsetzen und ich hörte mich selbst aus Leibeskräften schreien: 'STOPP'!
Vollbremsung! Wir schossen Richtung Windschutzscheibe. Ich sah nur noch rot, das Rot des Rettungswagens, befand mich in Augenhöhe mit dem Notarzt und danach mit zwei Polizisten, die an uns vorbeirasten.
Das Auto, ein Ford KA, war mit etwa 1/3 seiner Länge im Kreuzungsbereich zum Stehen gekommen. Es war eine Sache von Millimetern.



'Danke, lieber Gott, danke , liebe Schutzengel!' Meine trockenen Lippen formulierten wie von selbst, was ich in dem Moment empfand: Einfach nur Dank, tausendfach Dank. 'Wie kannst du mich so erschrecken?!' Ein an mich gerichteter Vorwurf meines Fahrers! Ich schwieg, weil ich wußte, dass auch er unter Schock stand. Auf der Fahrt zum Friedhof schüttelte er noch einmal seinen Kopf mit den Worten: 'Immer du bringst Unglück'. Ich blickte auf abgebrochene Köpfe meiner Tulpen, die mir zu Füßen lagen, vergaß meine gute Erziehung und sagte laut und deutlich das schlechte Wort, das mit A beginnt, wobei ich jede der beiden Silben bewußt betonte. In diesem Moment  erschien mir das mehr als gerechtfertigt.



Auf dem Friedhof sortierte ich mit zittrigen Knien die Tulpen, warf die 'enthaupteten' Stiele weg und legte die abgebrochenen Köpfe in den Eimer für zu Hause. Die beiden Sträuße fielen recht mickrig aus. Aber im Vergleich dazu, dass diese Fahrt zum Friedhof auch mit einem blutdurchtränkten Metallklumpen aus vier Autos und eingeklemmten Menschen hätte enden können, war der Schaden doch verhältnismäßig gering.


Ein paar Fragen sollten mich noch eine Zeitlang beschäftigen:
Wo muß ein Autofahrer mit seinen Gedanken sein, um das Sirenengeräusch von drei Autos zu überhören?
Warum tut sich ein Mann so schwer damit, sich selbst einen Fehler einzugestehen und sich dafür angemessen zu entschuldigen?
Warum erkannte ich in meinem 'Lebensbuch' neben wichtigen Ereignissen auch völlig unspektakuläre Seiten, z.B. mit einer Wiese oder einer Bank?


Die heutigen Blumen hatte ich eigentlich für Helgas Friday Flowerday gekauft, werde den Post aber nicht verlinken, weil ich ahnungslose Leser, die einfach nur einen schönen Blumenstrauß anschauen wollen, nicht erschrecken und mit meiner Beinahe-Horrorgeschichte ins Wochenende schicken möchte.

Ich denke, dass es für mich wichtig war, diese Geschichte einmal aufzuschreiben, um sie endgültig aus meinem Kopf zu kriegen.


Von meinen treuen Leserinnen und Lesern verabschiede ich mich mit dem Versprechen, dass am Samstag ein völlig 'unaufgeregter' Post folgen wird.

Kommentare:

  1. Puh, sei froh einen so starken Schutzengel zu haben, liebe Edith. Was für Erinnerungen, beim Anblick so harmloser Blumen.
    Ich hoffe, dir bleiben in Zukunft solche Erlebnisse erspart und
    wünsche alles Gute
    Ursula

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  2. Liebe Edith,
    selbst beim Lesen deines Textes habe ich mich erschreckt. Ich kann deine Verärgerung über die mangelnde Kritikfähigkeit deines Fahrers gut nachvollziehen. Mir kommt das A-Wort auch nicht so leicht von den Lippen, aber wenn es kommt, ist es mehr als angebracht! Ich weiß nicht, warum Männer bei Kritik im Auto so besonders empfindlich sind. Aber sie sind es!
    Gut, dass dir nichts passiert ist, aber ich kann verstehen, dass dir das Ereignis nicht so schnell aus dem Kopf gegangen ist.
    Liebe Grüße
    Katharina

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    1. Dabei habe ich den Fahrer gar nicht kritisiert, weil ich weiß, dass wir alle nur Menschen sind und Fehler passieren können. Aber dann noch auf den Beifahrer und 'Retter' loszugehen, war dann doch zu viel... LG

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  3. Liebe Edith,
    nichtsahnend über Google+ zu Dir reinschneiend und einen Lenzrosenpost erwartend (Dein Foto der Blüten ist wunderschön), bin ich nun echt irritiert, dass mich heute zum zweiten Mal ein Post mit weniger lockeren leicht-fröhlichen Themen erwischt. Aber auch das ist Leben. Und da ich eben auf der Fahrt von BS nach H im Radio von traumatisierten Flüchtlingskindern hörte, bei denen ein Geruch oder bestimmtes Geräusch ausreicht, passt dieser Post sehr gut dazu …

    Aber eigentlich wollte ich Dir doch nur schreiben, dass ich kurz nach meinem Kommentar bei Dir einiges über die Tellerhortensie 'Light-O-Day' im www gefunden habe. Nämlich auf Mallorca und irgendwo im englischsprachigen Raum. Zunächst war ich sehr enttäuscht, dass ausgerechnet ich eine mit panaschierten Blättern spontan mitgenommen hatte ;-) Aber meiner Mutter gefallen die Abbildungen. Und für ein Geschenk ist das doch die Hauptsache. Und der schon reservierte Gartenplatz scheint auch ideal für sie zu sein. Ich werde berichten.
    LG Silke

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    1. Seit längerem merke ich, dass sich mein Gartenblog irgendwie verselbständigt und ich Lust habe, nicht nur über Garten und Pflanzen zu schreiben. Vielleicht sollte ich den Blog um eine neue Seite erweitern, die da lauten könnte 'L wie Leben, Lieben, Lachen', damit es einen Platz gibt für Erlebnisse, die ich festhalten möchte, weil sie mir wichtig sind und zu mir gehören. Ich kann locker-leicht-fröhlich, aber auch ernst sein. Liebe Grüße Edith

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    2. Lass doch Deinen Blog so wie er ist! All' diese Erweiterungen verlieren sich im www. So hast Du reichlich 'Traffic' hier und gerade solche Erlebnisse & Lebens-Einschübe runden das Bild ab.

      Es ist zwar kurios, dass gerade ich das schreibe, wo doch mein holder Gatte und ich insgesamt 8 Blogs betreiben, auf die sich unser Leben verteilt ;-)
      Nein, im Ernst, wenn ich mir unsere Statistiken ansehe, wäre es taktisch viel klüger alles auf einem Blog zu vereinen, denn die meisten Blogleser nehmen sich eigentlich keine Zeit, huschen auf ihrer Blogroll von A nach B, müssen noch schnell bei C und D vorbeischauen, haben für G und K heute keine Zeit mehr und sollten dann auch noch - obwohl die Zeit rennt - bei dem und dem mal wieder einen Kommentar hinterlassen. Und für Links im Text hat sowieso kaum jemand genug Ruhe und Ausdauer sich darauf einzulassen …

      Nachdem Wildwuchs uns so viel Spass machte, kam bei uns ja ein Blog zum anderen: Die Deko, die Katzen & die Bären. Und SchneiderHein sollte dann ab März 2007 quasi das sein, was Google+ jetzt bietet - so eine Art Inhaltsverzeichnis und Hinweis auf neue Posts auf unseren anderen Blogs, und noch dazu Platz für weitere Nebenschauplätze bieten wie z.B den Garten meiner Mutter, hinter den Bärenkulissen etc. Aber der Leser muss schon extrem viel Zeit mitbringen und mitdenken, um das zu verstehen und so manche versteckte Perle zu finden. Da habe selbst ich trotz der vielen verschiedenen Labels auf unseren Blogs schon manchmal Probleme bestimmte Post wiederzufinden …

      Die mesten Blogs, die sich irgendwann in verschiedene Themen aufgesplittet haben, wurden im Laufe der Jahre wieder zusammengeführt. Wohl aus Zeitgründen, und weil dann wohl auch oftmals die Besuchszahlen in den Keller gingen. Außerdem gibt es doch recht wenige reine Gartenblogs -meist gehört Basteln, Backen, Bummeln & Besuchen von Gartenmessen etc. doch auch dazu ;-)
      Liebe Grüße zum stürmischen Wochenende
      Silke

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  4. Hallo Edith,
    dieses Buch, das du während deiner Schrecksekunden, innerlich gesehen hast, das stimmt mich nachdenklich. Sollte es solche "Lebensbücher" tatsächlich geben, so wäre unserem "Dasein" doch eine Bestimmung zugedacht, oder? Die Tulpen sind wunderhübsch.
    LG Heidi

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    1. Auch das war ein Grund dafür, dass ich darüber geschrieben habe, liebe Heidi. Ich hatte vorher schon gehört, dass Menschen darüber berichtet haben, es für Spinnerei gehalten. Ich sah es auch nicht 'innerlich', sondern das spielte sich direkt vor meinen Augen ab. Bei jeder geschriebenen oder bebilderten Seite wußte ich auch sofort, um was es ging. Es war ein ganzes Buch. Und das alles in Sekunden... Deshalb habe ich auch das Wort 'gleichzeitig' benutzt. Dabei mußte ich daran denken, wieviele Menschen nicht mehr davon berichten können. Es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde...

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  5. Auch dafür ist ein Blog da, liebe Edith. Um sich seine Seele heil zu schreiben.. Drücker, Nicole

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  6. Uiuiui, aber es war gut es mal zu beschreiben, oder?
    Ganz liebe Grüße für dich, liebe Edith
    und ein schönes Wochenende
    von der Urte

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  7. Liebe Edith,
    wie schnell doch Erinnerungen wieder präsent sind durch einen kleinen Anstubser in Form dieses wunderbaren Tulpenstraußes. Welch unsagbares Glück, dass dir nichts passiert ist... da kann man dem Schicksal nur dankbar sein.
    LG Marita

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  8. Puh, das war ja knapp. Kein Wunder, dass dieses Erlebnis mal wieder hoch wollte! Schrecklich, aber irgendwie auch ein Faszinosum scheint die Sache mit dem Lebensbuch zu sein oder manche sagen auch, ein Film sei abgelaufen. Das kann man sich gar nicht richtig vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Was da wohl neurologisch passiert?

    Wie dem auch sein: Schön, dass du gesund und munter bist!

    Herzliche Grüße
    Xenia

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  9. Ja, Schreiben hilft.
    Ich kann auch vieles besser verarbeiten, wenn ich es mir mal von der Seele geschrieben habe.
    Meist wird es ein Brief an eine Freundin.

    Puh, was für ein Erlebnis. Das wird mich jetzt noch ein Weilchen begleiten. Hab jetzt nur vom Lesen schon arges Herzklopfen.
    Da war dein Schutzengel in Hochform.
    Hast du zu dem Fahrer noch freundschaftlichen Kontakt? Ich glaube für mich wäre es kein „lieber Besuch“ mehr…..

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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