Sonntag, 20. Dezember 2015

In meiner Kindheit...
 

kam Weihnachten zu uns immer der Weihnachtsmann. 

Selbst als ich nicht mehr daran glaubte, wurde er noch wegen meiner 6 Jahre jüngeren Schwester bestellt. Am Heiligabend sangen wir nach dem Essen zunächst Weihnachtslieder. Es folgte das Vorlesen der  Weihnachtsgeschichte. Und die Bescherung fand statt, wenn es draußen klopfte. Meistens betrat der Weihnachtsmann die Wohnung mit den Worten 'Von drauß' vom Walde komm ich her, ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr'. Wir sagten dann brav unser Gedicht auf und mußten  dem Weihnachtsmann anschließend feierlich versprechen, unseren Eltern stets Freude zu bereiten. Dann schaute er in seinem Sack nach, ob für uns etwas dabei war. Auch wenn man nicht mehr dran glaubte, war es immer für alle ein aufregender Moment.

 
Knecht Ruprecht von Theodor Storm
Ich glaube, es gab niemanden, der dieses Gedicht nicht kannte.

Von drauß' vom Walde komm ich her;
ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr.
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor sah
 mit großen Augen das Christkind hervor.

Und wie ich so strolcht durch den finstern Tann,
da rief's mich mit heller Stimme an:
"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alte und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn.
Und morgen flieg ich hinab zur Erden; 
denn es soll wieder Weihnachten werden!"
 Ich sprach: "Oh lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist.
Ich soll nur noch in diese Stadt,
wo's eitel gute Kinder hat."
"Hast denn das Säcklein auch bei dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier; 
denn Apfel, Nuß und Mandelkern
essen fromme Kinder gern."
"Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
doch für die Kinder nur, die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten."
Christkindlein sprach: "So ist es recht,
so geh mit Gott, mein treuer Knecht!"

Von drauß' vom Walde komm ich her.
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hier innen find.
Sind's gute Kind, sind's böse Kind?



Als mein älterer Bruder auswärts seine Lehre machte und uns zu Weihnachten besuchte, meinte Mutti, er sei nun alt genug, um den Weihnachtsmann zu mimen. Sie hatte für alles gesorgt: Mantel, Mütze, Bart. 


Durch lautes Poltern im Flur kündigte der 'Weihnachtsmann' sich an, klopfte an die Tür und betrat das Zimmer, den Sack auf dem Rücken, die Rute in der Hand. Mit der Rute fuchtelnd, begann er mit tiefer Stimme zu sprechen. Mein kleines Schwesterlein schaute irritiert in die Runde, zupfte schließlich an meiner Strickjacke und schaute mich fragend an. Dann musterte es den Weihnachtsmann von oben bis unten. Und genau dort unten bestätigte sich der Verdacht, den es in folgende Worte faßte und einigermaßen enttäuscht und empört von sich gab: "Das ist ja der H... mit dem Loch im Strumpf!" Es war der erste und gleichzeitig auch letzte Auftritt meines Bruders als Weihnachtsmann bei uns jüngeren Geschwistern. 


Aber schon kurze Zeit später zogen wir ins Münsterland, wo der Nikolaus am 06. Dezember und am Heiligen Abend das Christkind kommt.


Und wie wurde oder wird bei Euch gefeiert? 

Nur noch vier Tage. Habt bis dahin eine schöne, besinnliche Zeit.

Kommentare:

  1. Hallo Edith,
    auch zu uns Kindern kam früher immer ein Weihnachtsmann. Die Erwachsenen hatten am meisten Freude an der Scharade, denn uns Kindern hatte man Angst vor der Rute gemacht. Ich war stets heilfroh, dass ich ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekam und keine Hiebe mit der Rute. (Dabei war ich ein sehr braves Kind, das es allen immer recht machen wollte!).
    Das Gedicht kenne ich natürlich auch, denn ich musste es x-mal aufsagen.
    Liebe Grüße von Ingrid

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  2. Bei uns kommt das Christkind und zwar immer wenn wir in der Kirche sind, liebe Edith. Warum mein Mann immer etwas eher nach Hause geht, weil er so dringend auf die Toilette muss, ist mir und den Kindern ein Rätsel ;))) Dir einen behaglichen vierten Advent. Herzlichst, Nicole (die auf das Friedenslicht wartet, mein großer Pfadfinder hat sich heute Morgen auf den Weg gemacht!)

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  3. Liebe Edith,
    dankeschön für deine lieben Worte bei mir :-)
    Ein so schöner Post! Bei uns kam und kommt schon immer
    der Weihnachtsmann. Und mein Vater spielt ihn immer :-)
    Ganz viele liebe 4. Adventsgrüße
    sendet dir die Urte :-)

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  4. Bei uns zu Hause kam immer das Christkind heimlich, während wir schliefen (schlafen mussten...) vor der Bescherung. Bei den eigenen Kindern dann der Weihnachtsmann und als immer einer fehlte in der Runde beim Bescheren und der jüngste Sohn das merkte, haben wir einen "echten" Weihnachtsmarkt besorgt und siehe da, der Respekt war sofort wieder hergestellt... ;-) Lieben Gruß Ghislana

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  5. Bei mir kam immer das Christkind ;) Wo hast Du vorher gewohnt dass es üblich war, dass der Weihnachtsmann kommt?

    lg kathrin

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    1. Das, liebe Kathrin, war die Heimat von Theodor Storm, nämlich Schleswig-Holstein. Die plattdeutschen Gedichte, die wir lernen mußten, waren von Klaus Groth. Ich kann heute noch die Gedichte von diesen beiden Heimatdichtern.

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  6. Liebe Edith, zu uns kam das Christkind und wir Kinder "verpassten" es immer, weil wir zum Malen, Plätzchenessen und Blockflötespielen bei den lieben älteren Damen, die über uns wohnten, waren. ;-)
    LG Marita

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