Montag, 28. Dezember 2015

In dieser Schatztruhe...

mit den darauf abgebildeten märchenhaften Schlössern bewahre ich Fotos auf, die in keines meiner Urlaubsalben passen.


Mit Märchen und Schlössern hat der Inhalt allerdings absolut nichts zu tun, vielleicht mit Luftschlössern, die einst in jugendlichem Überschwang der Gefühle gebaut wurden, dann aber wie Seifenblasen zerplatzten, an der Wirklichkeit zerbrachen, weil es irgendwann nur noch ums nackte Überleben und Davonkommen ging.

Lebenslinien:
Deutscher, als Sohn eines Landwirts in Westpreußen geboren, Besuch der polnischen Schule (weil Westpreußen damals unter polnischer Verwaltung stand), Ableistung des polnischen Militärdienstes aus dem genannten Grund, nach dem Einmarsch der Nazis 1939 Einberufung zum deutschen Militär, Einsätze an der Ostfront, verwundet, Lazarett, Gelbsucht, Lazarett, letzter Fronturlaub zum 'Ernteeinsatz' im August 1943, wegen der Kriegswirren Verspätung seines Zuges, so dass seine Einheit schon gen Osten abkommandiert war, für ihn ging es dann nach Frankreich in die Bretagne (Lorient, Brest, Vannes). Vannes war seit 1940 von Truppen der deutschen Wehrmacht besetzt. Im August 1944 begann die Schlacht um die Bretagne, die die 4. US-Panzerdivision unter Mithilfe der Resistance für sich entschied. Wer mit dem Leben davon gekommen war, kam in französische Kriegsgefangenschaft. 

Dort im Gefangenenlager entstanden nachfolgende Fotos.


Auf der Rückseite des ersten Fotos ist folgendes vermerkt:
'Vannes, 15.12.1946
Erinnerung
an meine Gefangenenzeit
vom 10. Mai 1945 -
meinen Lieben zum Gruss'.

Die CARTE POSTALE Correspondence trägt den Stempelaufdruck Nr. 114 Censure. 


Ende 1946 erfuhr er über seine Schwester in Berlin, dass sein Vater die Flucht nicht überlebt und es den Rest seiner Familie nach Schleswig-Holstein verschlagen habe.

Mit seinem ersten Brief nach dem Krieg kamen die hier gezeigten Fotos. Eigentlich noch ein junger Mann, sehen wir  einen um Jahre gealterten Menschen, der seine Gesundheit, seine Heimat, sein Hab und Gut und einen Teil seiner Familie sowie unzählige Kameraden verloren hatte.

Es sollten noch zwei ganze Jahre vergehen, bis die Familienzusammenführung vollzogen werden konnte, in denen er als Kriegsgefangener Zwangsarbeit bei einem französischen Bauern ableisten mußte, die französische Lebensart kennen- und so ganz nebenbei auch die Sprache lernte. In den ersten Jahren  nach dem Krieg sprach er im Traum sogar oft laut in französischer Sprache. 

Als Kriegsgefangener in Frankreich mit seinen Kameraden...
Dieser unselige, unsinnige Krieg hat ihn um die besten Jahre seines Lebens, um seine körperliche und seelische Unversehrtheit gebracht. Mehrfach war er nur knapp dem Tode entronnen, wovon etliche Narben von Streifschüssen Zeugnis ablegten. Als im Schützengraben in den letzten Kriegswirren einmal unmittelbar neben seinem Kopf eine Handgranate einschlug und explodierte, blutete er aus beiden Ohren, war ohne ärztliche Versorgung eine Zeitlang völlig taub. Ein Trommelfell war geplatzt. Ich kannte ihn nur als schwerhörigen Mann, den man beim Sprechen anzuschauen hatte, weil er vieles von den Lippen ablas. Alpträume, während derer er in verschiedenen Sprachen laut sprach bzw. schrie, verfolgten ihn bis an sein Lebensende. 

Er kannte eigentlich nur das Soldatenleben und den Krieg, tat sich mit der Bewältigung des täglichen Lebens anfangs etwas schwer. Aber er machte die besten Pommes Frites, die wir je gegessen haben. Und obwohl das Schicksal nach der Entlassung aus der Gefangenschaft seinen Lauf nahm, er zweimal innerhalb von fünf Jahren verwitwete und kleine Kinder zurückblieben, war er dennoch ein zufriedener, bescheidener Mensch, wollte nicht mehr verreisen, war genug herumgekommen, fand es zu Hause am schönsten. Er lebte mit uns unter einem Dach, wurde 75 Jahre alt. Meine Kinder nannten ihn liebevoll 'Opi' und 'Opili'. Er war mein Vater.

Und jetzt tritt er doch noch einmal eine Reise an, nämlich zur Heidi mit ihrer 'Guckloch-Aktion'.


All meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen schönen Tag.

Kommentare:

  1. Ach Du Liebe! Das habe ich jetzt alles ganz aufmerksam gelesen! Manches könnte auf meinen Daddy zutreffen. Er starb sehr früh an den Folgen der russ. Kriegsgefangenschaft, hat nur seinen ersten Enkel als Baby kennengelernt. -- Durch die Gefangenschaft in ganz jungen Jahren war er ein anderer Mensch geworden - auch diese Alpträume, von denen Du schreibst, verfolgten ihn lebenslang.
    Seltsam eigentlich, daß keiner weiter hier kommentiert. Es sind doch bestimmt Einige, die Ähnliches zu erzählen wissen. Es ist schon erstaunlich, was diese Menschen durchgemacht haben und daß sie dennoch irgendwie weiterleben konnten und das manchmal sogar ganz zufrieden - da könnens ich die Menschen von heute mit all ihren modernen oft hausgemachten Problemen und Problemchen eine dicke Scheibe abschneiden!

    Herzlichst
    Sara

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  2. Danke, liebe Sara, dass Du Dir die Zeit für diesen ausführlichen Kommentar genommen hast. Ich freue mich sehr darüber. Weißt Du, manche Posts müssen einfach geschrieben werden ohne Rücksicht darauf, ob sie Leser interessieren oder nicht, weil sie mir wichtig sind, wichtig gegen das Vergessen. Wenn ich nicht mehr da bin, weiß niemand zu den Fotos etwas zu berichten. Auch ich würde meinen Vater heute, da ich genug Zeit habe, zu den Fotos gerne befragen, würde sogar mit ihm nach Frankreich fahren, um die Orte am Meer, am Atlantik, die ja sehr schön sind, zusammen mit ihm aufzusuchen. Er hat gerne und gut von 'seinem' Bauern gesprochen und der französischen Lebensart. Ich war viel zu sehr mit meinem eigenen Leben (Beruf und Familie) beschäftigt. Jetzt ist es zu spät. Andererseits kann ich verstehen, wenn angesichts dessen, was momentan auf der Welt passiert, niemand etwas über Krieg und Gefangenschaft lesen möchte. Vielleicht fehlten den meisten Lesern einfach nur die passenden Worte dazu; denn ich kann ja verfolgen, wieviel Menschen an diesen zwei Tagen bei mir reingeschaut haben. Nochmals vielen Dank, liebe Sara, und liebe Grüße Edith

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  3. Hallo Edith,
    ich bitte um Entschuldigung, ich konnte im alten jahr deinen Beitrag nur verlinken und hatte nicht genug Zeit für einen Kommentar und dann habe ich auch nicht gleich daran gedacht.
    Dieser Krieg hat viele Narben hinterlassen, mein Vater war in Russland und bei den Mongolen in Gefangenschaft. Irgendwann war er bei den Kriegsheimkehrern, aber ich selbst kann mich nicht an ihn erinnern. Durch ein Unglück starb er bereits als ich ein halbes Jahr alt war. So konnte er mir nie erzählen was er im Krieg alles erlebt hat.
    Viele ehemalige Soldaten können das auch nicht.
    Schade, ich glaube er hat (wenn ich das als Kind auch nicht so sehr empfand) eine große Lücke hinterlassen in meinem Leben.
    Danke für deinen Beitrag!
    LG Heidi

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  4. Hallo Edith,
    dein Post hat mich sehr berührt, weil ich auch so viele Parallelen zu meinem Großvater feststellen konnte. Mein Vater ist wegen seines Alters dem 2. Weltkrieg ganz knapp entgangen, erst kurz vor Kriegsende sollte er noch eingezogen werden. Dafür hat mein Großvater (Jahrgang 1899) zwei Kriege als Soldat miterlebt und geriet auch lange in französische Gefangenschaft. Erzählt hat er sehr wenig davon. Ich habe auch einige Soldatenfotos aus dem 1. Weltkrieg von ihm. Mit weiteren Familienfotos habe ich diese als Erinnerung an ihn (ohne dies heroisieren zu wollen) vor einigen Jahren gerahmt und im Treppenhaus aufgehängt. Bei mir steht übrigens genau die gleiche Schatztruhe, allerdings mit anderen Fotos.
    LG Kathinka

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